Obwohl in einzelnen Branchen der italienischen Wirtschaft Anzeichen für eine leichte Erholung zu beobachten sind, ist die Rezessionsphase noch längst nicht überwunden. Besonders prekär ist die Situation nach wie vor in der Textilindustrie, deren Kapazitäten zum Teil nur zu 50 Prozent ausgelastet sind, und im Bauwesen. Aber auch Investitonsgüterindustrien, wie einige Zweige des Maschinenbaues und der Elektrotechnik, haben noch schwere Sorgen. Bessere Resultate erzielten dagegen der Automobilbau, die Chemie und die Stahlerzeugung, die den Export neuerlich, wenn auch zu gedrückten Preisen, auszuweiten vermochten. Um die Gesamtnachfrage zu beleben, will die öffentliche Hand die im März in die Wege geleitete expansive Ausgabenpolitik fortsetzen. Der im Herbst anlaufenden Wirtschaftsprogrammierung sieht man allerdings jetzt schon mit erheblicher Skepsis entgegen.

Die Börse hat die Frühjahrserwartungen, wie zu befürchten war, nicht erfüllt, da die Sparer nicht an die Effektenmärkte zurückgekehrt sind. Ihr Vertrauen ist durch die verfehlte Regierungspolitik der letzten Jahre einfach zu tief erschüttert. Die Bilanzen der meisten Gesellschaften weisen im übrigen so unerfreuliche Ertragssituationen auf, daß in nächster Zeit kaum mit verbesserten Ausschüttungen zu rechnen ist. Unter diesen Aspekten ist es nicht verwunderlich, daß der Mailänder Aktienindex von einem diesjährigen März-Höchststand von 64,59 Punkten allmählich wieder auf 52,28 abglitt. Erst in den letzten Julitagen erholte er sich erneut auf 56,14 (29. Juli), als bekannt wurde, daß die Aktienrechtsreform noch in diesem Jahre vom Parlament verabschiedet werden soll. Trotzdem ist in Kürze ein anhaltender entscheidender Anstieg des Kursniveaus unwahrscheinlich.

Italiens größter Chemie- und Montankonzern, Montecatini, befindet sich noch immer in einer Konsolidierungsphase. Die Zusammenarbeit mit der Royal Dutch/Shell-Gruppe, die 1963/64 zur Gemeinschaftsgründung, der "Monteshell-Petrolchimica", führte, bei der Montecatini 50 Prozent seiner petrochemischen Anlagen von Brindisi und Ferrara an Shell abtrat und dafür eine Entschädigung von mehr als 100 Milliarden Lire erhielt, hat sich auf die Ertragslage des Konzerns bisher nicht wesentlich ausgewirkt. Im vergangenen Jahr fusionierte der Konzern außerdem mit der "Società Adriatica di Elettricitä (SADE) zwecks Erweiterung der Produktionsanlagen und Verbesserung der Liquidität. Die Verschmelzung erfordere die Aufstockung des Grundkapitals von 180 auf 257 Milliarden Lire, wird aber erst in Zukunft eine finanzielle Entlastung bringen.

Im letzten Jahr stieg der Umsatz von Montecatini um 8 Prozent auf 496 Milliarden Lire. Nach Abschreibungen von 13,8 Milliarden Lire als dem Rohertrag wurde für 1964 auf das erhöhte Aktienkapital eine Dividende von 6,5 Prozent (65 Lire je Aktie zu nom. 1000 Lire) verteilt. Für 1962 mußte die Ausschüttung in Höhe von 85 Lire den Rücklagen entnommen werden, für 1963 fiel sie aus.

Preise und Kosten sowie knappe Investitionsmittel machen dem Konzern offensichtlich noch zu schaffen. Mit Rücksicht auf die reichen Erfahrungen, die wertvollen Forschungsergebnisse die breite Verzweigung der modernisierten Produktionsanlagen wird Montecatini auf lange Sicht als seiner Vorrangstellung zweifellos wieder Nutzen ziehen. In absehbarer Zeit dürfte jedoch kaum mit einer namhaften Besserung der Ertragssituation zu rechnen sein.

Edison hatte schon 1963 nach der Verstaatlichung der Stromversorgungsunternehmen tiefgreifende Veränderungen in der Betriebsstruktur vorgenommen und den Konzern auf neue Grundlagen gestellt. Dem Umsatz nach steht er heute mit seinen Beteiligungsgesellschaften im elektrotechnischen Bereich nach Montecatini an zweiter Stelle in der Chemieproduktion Italiens. Die Rezession hat er relativ gut überstanden. Im vergangenen Jahr wurde der Aktiennominalwert von 2500 auf 2000 Lire durch Umtausch der Stücke im Verhältnis 4:5 umgestellt. Der Kurs zeigte sich verhältnismäßig widerstandsfähig. Die Dividende für 1964 wurde leicht von 5,6 auf 5,5 Prozent gesenkt. Die Geschäftsaussichten sind recht günstig. Herbert Kleinschmidt