Zwischenfälle im Bonner Kulmhof-Prozeß

Bonn

Ohne das große Echo, das der Auschwitz-Prozeß in Frankfurt gefunden hatte, ging in Bonn das zweitgrößte Verfahren zu Ende, in dem Kriegsverbrechen und Massenmorde des NS-Regimes aufgedeckt wurden. Elf ehemalige Angehörige der SS und der Schutzpolizei waren der Beihilfe zum Massenmord an 152 000 Juden angeklagt und wurden vom Schwurgericht auch für schuldig befunden. Sie hatten ihr Unwesen als Aufseher, Wachmänner und "Gaswagenfahrer" im Vernichtungslager Kulmhof in Polen, im ehemaligen "Warthegau", getrieben. Nach dieser Stätte des Grauens ist der Prozeß benannt, der schon zum zweitenmal in Bonn aufgerollt werden mußte.

Den Höhepunkt der Schwurgerichtsverhandlung bildeten – im Gegensatz zu ähnlichen Verfahren – nicht die entsetzlichen Schilderungen dessen, was sich während des Krieges im Lager Kulmhof abgespielt hat. Sie standen den Feststellungen und Aussagen über Auschwitz ohnehin nichts nach. Aufsehen erregten vielmehr die Argumente der Verteidiger und ihre Auseinandersetzungen mit dem 37jährigen Staatsanwalt Dr. Bereslaw Schmitz, der, selber frei von jeder Belastung aus der Vergangenheit, besonders energisch die Entlastungsattacken parierte.

"Wir schämen uns..." Es wirkte schon sensationell, als Staatsanwalt Dr. Schmitz gegen Ende des Prozesses dem Gericht und der Öffentlichkeit mitteilte, daß sich am Tage des Plädoyers der Verteidiger ein Zuhörer – dessen Name nicht preisgegeben wurde – bei einem der Rechtsanwälte erkundigt habe, ob er die elf Angeklagten (von denen zehn aus Untersuchungshaft vorgeführt wurden) zum Essen einladen könne. Schmitz nannte dieses einmalige Vorkommnis, mit Recht "alarmierend". Man frage sich, so empörte sich der Staatsanwalt, ob dies dem "Chor" der Verteidiger zu verdanken sei, die nur das angeblich bedauernswerte Schicksal der Angeklagten in den Vordergrund gestellt hätten, oder ob es sich bei dem potentiellen Gastgeber um den Anhänger einer Weltanschauung handele, die seit 1945 tot sei. Dann rief Schmitz in die Stille des Schwurgerichtssaales: "Wir schämen uns für diesen Zuhörer und bitten die vielleicht überlebenden Angehörigen der 152 000 Opfer von Kulmhof um Verzeihung."

Der Replik des Staatsanwalts waren Plädoyers vorausgegangen, die in der Tat nachdenklich stimmen mußten. Schon der älteste der Angeklagten, der Polizeimeister i. R. Alois Häfele, der zu dreizehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, klagte nicht sich, sondern alle Deutschen wegen des Massenmords von Kulmhof an: "Wenn das deutsche Volk nicht geschlafen hätte, wäre es nie zu dem Wahnsinn der Judenverfolgung gekommen." Immerhin fügte er hinzu: "Ich bedauere die armen Opfer, die ihr Leben lassen mußten." Häfeles Anwalt Dr. Hein verlangte, daß die letzten Glieder der Befehlskette, die die schmutzigste Arbeit hätten leisten müssen – Leute wie Häfele also – gegenüber den "Schreibtischmördern" in die "richtigen gesetzes- und rechtspolitischen Relationen" gesetzt werden müßten – das heißt, daß sie milder zu beurteilen seien.

Überhaupt vertraten die Verteidiger fast durchweg den Standpunkt, die Angeklagten seien "schicksalhaft" durch eine verbrecherische Staatsführung in eine ausweglose Situation verstrickt worden, die sie in das Vernichtungslager Kulmhof verschlagen habe. Rechtsanwalt Degen führte sogar die Geistesverfassung der KZ-Schergen entlastend ins Treffen: "Es stimmt nicht, daß sich die damalige Führung besonders intelligente Leute für ihr Mordwerk ausgesucht hat." Alle Angeklagten wiesen vielmehr geringe Intelligenz und dadurch bedingte Initiativelosigkeit gegenüber dem Regime auf.