Ärzte ziehen eine nüchterne Bilanz

Von Hanns Meenzen

Das Dasein im freien Beruf wird gelegentlich als die "höhere Form des Lebens" bezeichnet. Doch weiß die Öffentlichkeit meist nur wenig von dem Preis, der für dieses Leben bezahlt wird. Nach statistischen Erhebungen belief sich im vergangenen Jahr die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit der Arbeiter auf 42,1 Stunden, diejenige der Selbständigen auf 56,4 Stunden. Das ist über ein Drittel Arbeitsaufwand mehr.

Hinzu kommt, daß die Entwicklung gegenläufig ist. Die einen arbeiten immer weniger und bekommen ihren länger werdenden Urlaub "doppelt" bezahlt (Urlaubsgeld), die anderen arbeiten eher immer mehr und erleiden im Urlaub einen Verdienstausfall. Außerdem arbeitet in der Regel die Ehefrau mit, von der mit bitterer Ironie bemerkt wird, daß sie die billigste Putzfrau sei. Aber sie putzt nicht nur. Sie ist Sprechstundenhilfe, Assistentin, Buchhalterin, Laufmädchen und daneben auch noch Hausfrau und Mutter.

Löst man sich von der falschen Optik einiger Spitzenverdiener, dann bringen die gemeinsamen Anstrengungen der Familie auch keineswegs so viel ein, daß allein der materielle Aspekt diese Form der Existenz verlockend macht. Eben deswegen wohl geraten die freien Berufe heute in den Geruch der Kommerzialisierung. Sie sind nämlich mehr und mehr gezwungen, das Materielle in den Vordergrund zu stellen, wenn sie sich in Freiheit behaupten wollen.

Die ersten, die das neuerdings mit allem Nachdruck tun, sind die Zahnärzte. Das mag auch daran liegen, daß in diesem Beruf handwerkliches Können und Menschenbehandlung ("Sichverkaufen-können") mindestens so wichtig sind wie die eigentliche ärztliche Kunst. Immerhin aber verlangt man von diesem "Handwerk" elf Semester akademisches Studium. Einschließlich der Militärzeit und der vorgeschriebenen Assistentenzeit vergehen somit etwa zehn Jahre nach dem Abitur, bis der junge Zahnarzt sich niederlassen kann.

Existenz ohne Rücklagen