Malraux’ geheimnisvolle Chinareise

E. W., Paris, im August

Vor drei Wochen entschloß sich in Hongkong André Malraux, Frankreichs Minister für die Schönen Künste, eine private Fern-Ost-Reise um einen Abstecher, nach Peking zu erweitern. "Nichts erklärt sich leichter mit privaten Gründen als dieser Entschluß", sagten die amtlichen Stellen in Paris und verwiesen auf André Malraux’ "Chinesische Epoche", aus der seine großen Romane stammen, vor allem La condition hinname – die Frucht der Jahre, die er mit den chinesischen Kommunisten verbracht hatte.

Malraux sprach stundenlang mit Tschu En-lai und anderen Regierungsmitgliedern in Peking. Er machte eine Reise in die chinesischen Nordprovinzen, wurde als "Sonderbotschafter General de Gaulles" begrüßt und hielt bei Staatsbanketten Reden, in denen er unter anderem den "langen Marsch", der die chinesischen Kommunisten von 1934 bis 1935 durch ganz China führte, als ein "Vorbild für die Menschheit" feierte.

Die Version vom privaten Charakter dieser Reise ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. General de Gaulle würde es keinem Minister – auch mit André Malraux – erlauben, sich ohne Auftrag so in seine Außenpolitik einzumischen. Der französische Staatspräsident versucht also ofenbar, die chinesische Karte in seinem Spiel aufzuwerten. Und man darf wohl ein Gerücht wiedergeben, das zu Beginn der Malraux-Reise in Regierungskrisen – die ja auch im Dunkeln tappten – entstand Malraux solle Mao Tse-tung für den Gedanken einer Konferenz der großen Fünf gewinnen.