Von René Drommert

Mein zufälliger Tischgenosse beim Abendessen in einem Moskauer Hotel, ein südrussischer jüdischer Agronom (wie er sich ungenau zu erkennen gab), machte einen vitalen, weltmännischen Eindruck. Wir hatten uns gut unterhalten: ohne ängstliches Zögern, ohne vorheriges Abwägen, wie die eigenen Äußerungen wohl aufgenommen werden könnten. Dann, nach einer knappen Stunde, beugte er sich vor und fragte mich mit einem prüfenden und skeptischen Blick: "Werden die Juden bei Ihnen in der Bundesrepublik verfolgt?"

Bei uns in der Bundesrepublik, wo antisemitische Schmierfinken, wie es in Köln und in Bamberg passierte, ihre Unflätigkeiten nur bei Nacht und Nebel anbringen können – bei uns sollen Juden verfolgt werden?

Wir wissen eben so sehr wenig voneinander. Und doch sollten wir uns auch vor dem Irrtum hüten (den man leichtfertig hingeschriebenen Artikeln und Büchern entnehmen kann), als wüßten die Russen von uns sehr viel weniger als wir von ihnen. Das Umgekehrte trifft eher zu. Ich erinnere mich, daß ich schon im Kriege in Rußland oft mit jungen Menschen sprach, welche Gedichte von Goethe, Hölderlin, Eichendorff in untadeligem Deutsch auswendig hersagen konnten. Und ich habe jetzt nicht feststellen können, daß sie die Gedichte vergessen hätten.

Als ich kürzlich mit einem Leningrader Regisseur durch den Park von Peterhof, dem alten Zarenschloß, spazierte, sprachen wir auch von russischer Lyrik; er und ich, wir zitierten, gut gelaunt, wenigstens die Anfänge einiger wundervoller Gedichte. Und da war plötzlich zwischen uns der vollkommene Kontakt hergestellt.

Der einsame Spleen von ein paar Intellektuellen? Die gleiche Begeisterung für die gleiche große Sache! Das ist auch eine Wirklichkeit, auf die man bauen kann. Kontakte solcher Art, ohne. Absicht, ohne triviale Ausschau auf Zweckmäßigkeit und Nutzen, als eine Art l’art pour l’art menschlicher Beziehungen hergestellt, sie werfen absichtslos ein Nebenprodukt ab, das Nutzen heißt...

Mein Gesprächspartner von Peterhof war mit viel Takt begabt. Und es ist wahr, daß viele Russen, sehr viele, Takt haben: Er ist eine nationale Eigenschaft.