Sind wir hier im Krieg?" schrie der baumlange, blaßblonde englische Reporter und verteidigte energisch seine karierte Reisetasche, in der sich – wie bald offenbar wurde – nichts als eine Badehose befand, und in dem die bis an die Zähne bewaffneten halbwüchsigen Kongolesen irgend etwas Staatsgefährdendes vermutet haben mußten. Es war am Eröffnungstag der ersten Afrikanischen Spiele zu Brazzaville.

Das mächtige, aus grauem Beton errichtete Sportstadion für nahezu 30 000 Zuschauer glich freilich mehr einer befestigten Zitadelle denn dem Schauplatz friedlicher Wettkämpfe. Die Rampen der hochgelegenen Portale waren besetzt von stahlbehelmten Soldaten und den Angehörigen der paramilitärisch aufgezogenen Jugendorganisation des "Mouvement nationale de la Revolution", der Einheits- und Staatspartei. In ihren blauen Monturen mit den fernöstlich inspirierten Schirmkappen patrouillierten sie in kleinen Gruppen nicht nur auf dem großzügig angelegten Sportgelände, sie kontrollierten auch die Straßen und Plätze der in diesen Tagen ganz olympisch aufgeputzten Metropole, der Republik Kongo-Brazzaville. Die Gesichter dieser blutjungen Kongolesen, denen die Partei mit der brandneuen Maschinenpistole eine nationale Verantwortung in die Hand gedrückt hat, sind ernst und mißtrauisch: Der Befehl, den sie auszuführen haben, die Uniform, die Waffe – all das schneidet sie heraus aus dem fröhlich-unbefangenen Durcheinander dieser Spiele. Es ist, als seien sie eigens dazu ausersehen, jeden, der es vergessen sollte, daran zu erinnern, daß politische Wachsamkeit auch in Augenblicken kollektiven Wohlbefindens nicht erlahmen darf. Zuweilen waren in der nur schwach besetzten Sportarena mehr Waffenträger als Athleten zu sehen. Gewiß hat man diesen martialischen Aufwand nicht ohne zwingenden Grund betrieben, und ganz sicher hätte die Regierung des Präsidenten Massamba-Debat auf eine solche Demonstration innerer Unsicherheit allzu gern verzichtet. Seitdem jedoch drüben, auf der anderen Seite des träge ziehenden Kongoflusses, im protzig herüberschimmernden Leopoldville ein Mann namens Moise Tschombe regiert, herrscht eine Art kalter Krieg zwischen beiden Kongostaaten. Diplomatische Beziehungen unterhält man schon lange nicht mehr, und die flinken, weißen Fährschifflein befördern nur noch Transitpassagiere der Luftfahrtgesellschaften.

Was sich sonst bei Nacht und Nebel auf den breiten Wässern des vielbesungenen und vielverfluchten Stromes tummelt – und es tummelt sich – bleibt das Geheimnis jener, die keinen offiziellen Passierschein beantragen können. Da im allgemeinen kaum jemand Augenzeuge solcher nächtlichen Fischzüge ist, lassen sich auch jederzeit heimliche Landungsoperationen erfinden, und der nächtlich über den Fluß hintastende Lichtfinger des riesigen Scheinwerfers am Ufer von Brazzaville trifft nur selten auf ein verdächtiges Objekt.

Nun können die Regierungen in Brazza und Leo wahrhaftig nicht über Mangel an Subversion klagen. Die Explosionen, die kurz vor der Eröffnung der Afrikanischen Spiele immerhin einige konstatierbare Tote und Verletzte gefordert hatten, ließen Schlimmes befürchten. Der ganze Kontinent richtete Augen und Ohren nach Brazzaville, es stand Prestige auf dem Spiel, das mit Sport nichts mehr zu tun hatte. Bis zu jenem erregenden Moment, da Präsident Massamba-Debat mitten im Sportstadion einem Hubschrauber entstieg, um mit schneidend heller Stimme die Spiele für eröffnet zu erklären, unterdrückten viele Zuschauer nur mühsam das unbehagliche Gefühl, auf einem Sprengstoffpaket zu sitzen.

Prolog und Epilog der Spiele haben freilich schnell vergessen lassen, was an untergründigen Schwingungen spürbar geblieben war. Afrika zog sich das steifleinene Faltengewand Olympias an, aber es verzichtete wohl ganz unbeabsichtigt auf die manierierte Eintönigkeit des sattsam bekannten Zeremoniells, obwohl der Oberolympier Avery Brundage aus Chikago auf der Ehrentribüne saß. Zwar marschierten sie im Gleichschritt, die 27 Mannschaften, von A bis Z, von Algerien bis Zambia, und sie trugen ihre so phantasievoll bunten Nationalfahnen vor sich her – doch gehorchten ihre Füße weniger dem Takt der französisch gestimmten Blaskapelle als einem Rhythmus, der auch in Hellas einst gedröhnt haben mag.

"Gebt ihnen satt zu essen und unsere Trainingsmethoden. Dann werden sie die Olympischen Spiele der Zukunft beherrschen", sagte der französische Trainer der kongolesischen Leichtathleten. Aber noch ist es nicht so weit! Wenn auch manches Experten Blicke in diesen Tagen wohlgefällig und beunruhigt über das Muselreservoir der schwarzen und braunen Kinder Afrikas gewandert sind. In Brazzaville hat der Kontinent nun endgültig das Riesenspielzeug Sport entdeckt, er nahm es wie ein Geburtstagsgeschenk in Empfang, entschlossen, es nicht mehr aus der Hand zu geben. Aber werden die Glücklichen, die nun damit spielen dürfen, auch teilen wollen? Der Eifer der Debütanten war groß, selbst der Allerletzte auf der Aschenbahn, der weitabgeschlagen hinter dem Läuferfeld einherkeuchte, konnte sich damit trösten, zu den wenigen auserwählten Pionieren des afrikanischen Sports zu gehören.

Der Startschuß ist gefallen, nun rennt man auch in Afrika gegen den Sekundenzeiger. Der hochentwickelte afrikanische Leistungssportler verspricht ein ausgezeichneter Renommierartikel zu werden, eine Art Gladiator, leicht formbares Material in den Händen jener, die sich darin auskennen, wie man den Rekordhunger unserer Zivilisation stillt. Der Ehrgeiz der jungen Sportfunktionäre ist längst geweckt. Man sieht sie förmlich durch Busch und Urwald streifen, um brauchbaren Rohstoff an Läufern, Springern und Werfern aufzutreiben, zum höheren Ruhm eines Kontinents, der seine selbst eingestandene Rückständigkeit dem jahrhundertelangen, erzwungenen Export wohlproportionierter und williger Leiber verdankt. Heinrich von Tiedemann