Zwanzig Jahre nach dem Abwurf der ersten Atombombe scheint der Versuch, eine weitere Ausbreitung der Kernwaffen zu verhindern, gescheitert, ehe konkrete Verhandlungen begonnen haben. In einem kühnen Balanceakt wollten die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada und Italien versuchen, sowohl die sowjetischen Forderungen als auch die Wünsche der Bundesrepublik zufriedenzustellen. Moskau verlangt den Verzicht auf eine alliierte Atomstreitmacht als Vorbedingung eines Nonproliteration-Abkommens – Bonn fordert "atomare Mitbestimmung" als Voraussetzung eines solchen Vertrages.

Am Dienstag machte der sowjetische Chefdelegierte in Genf, Zarapkin, alle Hoffnungen auf eine Kompromißlösung zunichte. Mit Nachdruck stellte er fest, daß es keinen Vertrag geben werde, solange die Westmächte auf eine gemeinsamen Atomstreitmacht bestehen. Er verband diese Feststellung mit scharfen Angriffen gegen die Bundesregierung, der er vorwarf, sie wünsche einen Finger am nuklearen Abzug, um ihre revanchistischen Pläne zu verfolgen.

Der amerikanische und der italienische Delegierte in Genf stellten nach dieser Rede pessimistische Prognosen für den Fortgang der Gespräche, Die westlichen Verhandlungsteilnehmer haben wiederholt deutlich gemacht, daß ein Abkommen über die Nichtweitergabe von Atomwaffen, Absprachen und Planungen mit Nichtbesitzer-Staaten über den Einsatz von Kernwaffen nicht ausschließen darf. Der britische Abrütungsminiter Lord Chalfort stellte ähnlich wie der amerikanische Außenminister Rusk fest: "Verhandlungen mit den Russen über die Aufstellung der atlantischen Kernstreitmacht stehen hier nicht auf der Tagesordnung."

Die Italiener haben sich bereits auf ein Scheitern der Konferenz vorbereitet. Außenminister Fanfani kündigte an, daß Italien – wenn kein Abkommen unterzeichnet würde – die nichtnuklearen Mächte zu einem zeitweiligen Verzicht auf Atomwaffen aufrufen werde.