Der Tod bleibt ein Tabu. Zwar fördern die Ärzte, im Freundesgespräch, erstaunliche Dinge zutage, zeigen Bilder von Sterbenden: Schreckensvisionen, die man nicht mehr vergißt; nennen Beispiele von Seelenstärke und reißender Angst, von der Geduld des Christenmenschen und dem Verrecken mit Bild in der Hand, beschreiben die Gelassenheit der Euphorie und den bitteren Neid auf die anderen, die weiterleben, Pläne machen, "morgen abend" und "im nächsten Sommer" sagen dürfen. Zwar gibt es Meditationen über die Krankenbettwahrheit, allgemeine Erwägungen meistens und wenig Dokumentationsmaterial: "So nahm er es auf", "so sind ihre letzten Tage gewesen". Zwar kennt man die Zusammenstellung von Pinner und Miller ("Was Ärzte als Patienten erlebten"), zwar gibt es einen erschütternden Aufsatz über die Todesahnung von Kindern. Aber das große Problem, die Verzweiflungsfrage König Behringers, von Eugéne Ionesco in "Der König stirbt" gestellt: "Sagt mir, wie habt ihr es fertiggebracht zu sterben?" bleibt unbeantwortet.

Die Confessio des Arztes, der im Alter seine tausend exakten Notizen verwertet und all die Grenzüberschritte beschreibt, sie selbst und die Wege dahin – dieses Buch steht immer noch aus. Der Tod bleibt ein Tabu; nur geschwätzige Illustriertenschreiber nehmen sich des Internisten an, der auf dem Röntgenbild sein Magencarcinom diagnostiziert. (Wie aber sieht es in Wirklichkeit aus? Gibt es Aufzeichnungen? Wo wurde ein Beispiel gegeben?)

Auch die Schriftsteller schweigen; Iwan Iljitschs Schreie und Dantons Conciergerie-Proteste sind lange verhallt; an dem Erfahrungswissen der Ärzte gemessen, sind die poetischen Analysen höchst dürftig; Ausnahmen – Camus, McCullers, Ionesco – bestätigen die Regel. Man hält sich an die ergiebige Grenzsituation, die Zelle, den Galgen, das Beil; vom Alltagstod hingegen wird wenig bekannt.

Seien wir also dankbar, daß – nach dem Beispiel Anne Philipes – Simone de Beauvoir, das Sterben ihrer Mutter beschreibend, den Schleier angehoben hat, der das große Tabu unseren Blicken entzieht – und dies, dem Gegenstand entsprechend, freimütig, bescheiden und taktvoll, die Trauer sowenig wie die eigenen Ängste verbergend –

Simone de Beauvoir: "Ein sanfter Tod" (Originaltitel: "Une mort très douce"), aus dem Französischen von Paul Mayer; Rowohlt Verlag, Reinbek; 120 S., 9,80 DM.

Mit Hilfe einer sehr genauen, durch Rückblenden zäsurierten Beschreibung gewinnt Leben und Sterben der Françoise de Beauvoir auf wenigen Seiten Gestalt; Situationsdarstellung und Reminiszenz, Erzählen und Räsonnement ergänzen einander aufs schönste; Zug um Zug entsteht das Porträt einer Frau, deren Leidenschaft und Sinnlichkeit sich durch bourgeoise Konventionen kasteit und verunstaltet sahen; Seite für Seite nimmt der Tod an Plastizität zu. Ärzte tauchen auf: unbeteiligte Herren, die man aus der Literatur so gut kennt, Iwan Iljitschs Pülverchenmischer in modernem Habit; weißbekittelte Schwurgerichtspräsidenten, die ihre lateinischen Urteile sprechen. (Die unvergeßliche Szene in Carson McCullers "Uhr ohne Zeiger": J. T. Malone und der freundliche, mit dem Papiermesser spielende Doktor: "Um es kurz zu machen, wir haben es hier mit einem Fall von Leukämie zu tun!")

Es macht den Reiz des Buches aus, daß die Autorin niemals, aus der Rolle fallend, ihre Erzählperspektive durchbricht. Auf Vermutungen angewiesen und den Bulletins preisgegeben, schildert sie die Veränderungen der Mutter, die wirren Träume und die körperlichen Gebresten, mit sachlicher Betroffenheit. Zusehend, aber beteiligt; liebevoll lügend und die Wahrheit um so schmerzlicher schmeckend, beschreibt sie auch ihren eigenen Verwandlungsprozeß: Die Welt hat sich zu einem Krankenzimmer verengt; Reagenzgläser und Flaschen, Bettpfannen, Kanülen und Schläuche sind an die Stelle von Fensterauslagen, Parkwegen und Speisekarten getreten. Der Telephonapparat, ein Todeskästchen, wird zum Zentrum; jedes Klingeln, Philipp Reis als Seelengeleiter, kann Vorbote der Schreckensnachricht sein – der Leser erinnert sich an das Schlußkapitel des "Stiller".