BORIS GODUNOW

Musikalisches Volksdrama

Von Mussorgskij

Salzburger Festspiele

Im Ringen um das Salzburger Massen-Festspielhaus ist eine neue Phase zu verzeichnen. Auf den Vorschlag Herbert von Karajans, in seiner Inszenierung und unter seiner musikalischen Leitung breitete sich die Szenenfolge um Boris Godunow auf der Mammutbühne aus. Dem Szeniker Teo Otto war es schon wiederholt gelungen, die Breitwandbühne griffig zu gliedern. Günter Schneider-Siemssen hielt als zusammenklammerndes Element für den Boris jedoch nur einen einheitlichen Grundriß bereit: das russische Doppelkreuz. Seine Längs- und Seitenarme dienen als erhöhte Auftrittspodien. Neben und zwischen ihnen kann sich die Regie des Spiels auf verschiedenem Bühnenniveau bedienen. Am stärksten überzeugt dieser Grundriß, wenn er in der Halbdiagonale angeordnet ist.

Ihre eigentliche Schauwirkung bezieht Schneider-Siemssens Dekoration hingegen aus den vertikalen Aufbauten. Das Krönungsbild wird gerahmt von Ikonentafeln, deren Figuren als Relief auf Goldgrund modelliert sind. Dieser Prunk erweist sich für die Dauer der Szene als bannend. Problematischer wird der Historismus des Bühnenbildners, wenn im Park zu Ssandomir und in der Duma das Grundriß-Kreuz frontal zur Rampe liegt. Da "trägt" es nicht. Durch Architektur, Landschaft und Requisiten wird ein neues Meiningertum beschworen. Die Verlegenheit solcher raumfüllenden, nicht werkformenden Ausstattung erweist sich in der Duoszene zwischen Boris und Schujskij: winzige Figuren in einem überdimensionierten, selbstzwecklichen Palastbild.

Solistisch wird alte Sängeroper gespielt. Packende Gestalten gelingen nur, wenn ein Darsteller wie der basiliskenhafte Schujskij von Gerhard Stolze oder Sena Jurinac als Marina von sich aus scharfe Persönlichkeitsumrisse mitbringen. Im übrigen gefällt sich Karajans Regie in flutenden Massenbewegungen, die er zu gliedern gelernt hat, und in Lichtspielen.