Von Lavinia Mazzucchetti †

Im August 1926 kam Thomas Mann mit seiner Frau Katja und den beiden jüngsten Kindern zu einem Ferienaufenthalt nach Forte dei Marmi.

1926: ein mit vielen Spannungen erfülltes Jahr für den immer berühmteren Künstler! Es hatte im Januar mit dem anregenden, doch auch ermüdenden Erlebnis des ersten offiziellen Nachkriegsbesuchs in Paris begonnen; dann war Katjas Lungenentzündung und ein Genesungsaufenthalt in Arosa gekommen, und dazwischen gab es vielfache literarische Verpflichtungen. Im Juli fühlte sich Thomas Mann erschöpft und gereizt. Er wäre im Grunde, lieber, zu Hause, geblieben. Aber schon im Vorjahr hatte er sich seinen Kindern zuliebe zu einem noch gewagteren sommerlichen Unternehmen bereitgefunden: Casamicciola auf Ischia, und nicht zur Fango-Kur, sondern um an dem kleinen Strand im Meer zu baden. Die schöne Insel empfand er als gar zu meridional: "Aus diesem Süden, der nun schon fast komplettes ‚Afrika‘ ist in seiner Bläue, Weiße, Grelle, staubigen Schärfe der Gerüche Tag für Tag Klarheit und Glut. Die Trauben und Feigen sind herrlich. Aber es gibt auch pulci, und so hapert es mit dem Schlaf." Da aber die Kinder durchaus wieder ans Meer wollten, so mußte er sich auch dieses Jahr opfern und konnte nur hoffen, daß an der tyrrhenischen Küste Afrika nicht ganz so nahe wirken würde.

Forte dei Marmi war vor vierzig Jahren schon ein bekannter Badeort, an dem sich aber nur die Florentiner als Herren und Meister fühlten, dazu höchstens noch ein internationaler Clan der ersten Entdecker, die dort Villen und Grund besaßen. Die Mailänder – wie ich mich gut erinnere, da ich in jenen Jahren zu den nichtadligen und nichttoskanischen Pionieren gehörte, die es wagten, sich die unvergleichliche einsame Herrlichkeit von Poveromo und Ronchi zu sichern – fühlten sich jenseits des Cinquale selbst als Kunden zweiter Klasse; ja ich möchte sagen, daß damals in Forte, ganz außerhalb von Politik und Nationalismus, bereits eine gewisse Atmosphäre von mißtrauischer Reserve und Fremdenfeindlichkeit herrschte.

Freilich wäre es nicht richtig, den tatsächlichen Vorkommnissen jenes Sommers die ganze Verantwortung fürThomas Manns ablehnende Stimmung zuzuschreiben. Zwar stellt sich uns die Geschichte "Mario und der Zauberer" als schmuckloser Bericht eines zufälligen Erlebnisses ohne alle Zutat der Phantasie dar. Aber vergessen wir nicht, daß zwischen der wirklichen Begebenheit und ihrer Kristallisierung in der Kunst drei ganze Jahre vergehen sollten. Wichtigste Jahre, nicht nur für die inneritalienische Entwicklung, sondern auch für die – freiwillige oder erzwungene – politische Entwicklung des großen europäischen Schriftstellers.

Nach Italien war Thomas Mann damals wiederholt gereist, ohne sich ein Problem daraus zu machen. In jener für unser Land so entscheidenden Zeit haben die wenigen, aber ausdauernden Thomas-Mann-Fans gewiß ihre Pflicht getan, um den Gast ins Bild zu setzen. Er las in Italien wohl nicht regelmäßig Zeitungen, aber es gibt doch manche Wege, auf denen sich eine fremde Welt erfühlen läßt. In jenem Ischia-Herbst existierte noch, wenn auch mit Maulkorb, Albertinis Corriere della Sera, und es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß damals gewisse bittere – kleine oder große – Symptome unserer Krise zu Thomas Mann gedrungen sind, wie die brutalen Überfälle auf Tilgher und Alvaro, die schamlosen ständigen Freisprüche politischer Rowdys, die tragische Ermordung von Consolo und Pilati und so weiter. Im Paris von 1926 hatte es Mann sehr amüsiert, Painlevé gegen Mussolini wettern zu hören ("er schimpfte wie ein Rohrspatz"), aber der prophetische Pessimismus einer italienischen Emigrantin, die vom Faschismus das unausweichliche Geschenk eines französisch-italienischen Konflikts erwartete, hatte ihn bedenklich gestimmt. Aus dieser Zeit stammt ein leider verlorengegangener Brief, worin sich Thomas Mann bei Enzo Ferrieri und den Mailänder Freunden der Zeitschrift und des Literaturzirkels Convegno entschuldigte, mit der Erklärung, die italienische Atmosphäre habe ihn bewogen, eine geplante Begegnung auf später zu verschieben.

Als er dann 1929, während eines sehr anderen Ferienaufenthalts am Meer, in den Dünen Ostpreußens, das untragische Erlebnis der tyrrhenischen Sommerwochen in eine tragische Erzählung verwandelte und festhielt, war Thomas Mann längst kein unbeteiligter Tourist mehr.