Berlin, im August

An jedem Sonntag findet – unter der Leitung von Gerhard Eisler – ein Round-table-Gespräch statt, das über das DDR-Fernsehen und den Deutschlandsender ausgestrahlt wird. Diesmal trat Walter Ulbricht auf. In seiner Begleitung befand sich Politbüro-Mitglied Albert Norden, über den man in Ostberlin mit bedauerndem Unterton gelegentlich hört, daß er als Nachfolger Ulbrichts nicht in Frage komme.

Eislers Tischgespräch war diesmal eine Einmischung in den Wahlkampf der Bundesrepublik. Ulbricht möchte, daß nach den Wahlen in Bonn eine "neue politische Konstellation" Platz greife. Die CDU/CSU habe, so sagte er, eine "16jährige Blockade der Wiedervereinigung" auf dem Gewissen. "Wer CDU wählt, wählt die Atombombe", ist Ulbrichts Schlagwort.

Weniger kritisch verfuhr Walter Ulbricht mit der SPD: Immerhin habe sich ihr Bundesvorsitzender, Willy Brandt, dafür ausgesprochen, die Genfer Abrüstungsgespräche zu Ende zu führen und erst danach, falls sie scheitern sollten, an das Problem der multilateralen Atomrüstung heranzutreten. Eisler wollte wissen, ob es wahr sei, daß die SED an einer Wahlniederlage der SPD interessiert sei. Nein, antwortete Ulbricht, die SED sei nicht gegen einen Wahlsieg der SPD. "Es wäre gut, wenn die Bundesrepublik sich von ihrem monopolkapitalistischen System lösen würde."

Schon am Tage nach den Wahlen, so meinte Ulbricht, könnte die Normalisierung der Beziehungen in Deutschland beginnen. Er sprach von einer gemeinsamen Wirtschaftskommission, "um den Interzonenhandel von den Fesseln des kalten Krieges zu befreien". Eine solche Fessel ist für den SED-Chef unter anderem die Bonner Forderung, Interzonenhandelsabkommen nicht von Staats wegen, sondern nur im Namen der beiden Währungsgebiete zu unterschreiben. Gegenüber einer solchen Formulierung ist Ostberlin allergisch, weil es befürchtet, daß nach Bukarest und Budapest auch noch Prag die Zugehörigkeit Westberlins zum Währungsgebiet der DM-West anerkennt.

Weiterhin erwägte Ulbricht (dessen Ausführungen wir auf Seite 8 zitieren) die Zusammenarbeit zu verwirklichen, die westdeutsche Wirtschaftskreise, wie er sagte, der DDR vorgeschlagen haben. Schließlich will er den gesamtdeutschen Personenverkehr entwickeln und gemeinsam mit der Bundesregierung, anfangs als Beobachter, später als Mitglied, den Vereinten Nationen beitreten. Das Ziel all dieser Maßnahmen, die zunächst die Zwei- beziehungsweise die Drei-Staaten-Theorie in die juristische und politische Wirklichkeit umsetzen, soll die Überwindung der Spaltung sein.

Albert Norden sah in der unterschiedlichen Gesellschaftsordnung kein Hindernis für eine Wiedervereinigung. Statt daraus Gegensätze zu konstruieren, sollte man – so meinte er – die Vorzüge beider Seiten einbringen. Allerdings legte der Chef des SED-Agitationswesens eine etwas einseitige Wertung dieser Vorzüge an den Tag. Die Bundesrepublik habe auf den Gebieten der Industrie, Technik und auch in wissenschaftlicher Beziehung mancherlei aufzuweisen. Die DDR ihrerseits könnte "die fortschrittlichste Gesellschaftsordnung, die soziale Gerechtigkeit, eine entwickelte Demokratie, ein anerkanntes Bildungswesen und eine gesunde Ordnung für die Bauern" vorweisen. René Bayer