Von Max Horkheimer

Auf dem Evangelischen Kirchentag in Köln wurde das Thema "Freiheit" in drei großen Referaten abgehandelt. Der Philosoph und Soziologe Max Horkheimer sprach über "Die Bedrohung der Freiheit", der katholische Theologe Karl Rahner SJ über "Ursprünge unserer Freiheit" und der Philosoph und Soziologe Carl Friedrich von Weizsäcker über "Zumutungen der Freiheit". Diese drei Vorträge wird der Kreuz-Verlag, Stuttgart und Berlin, unter dem Titel "Über die Freiheit" in einem Buch herausbringen. Wir veröffentlichen hier – in gekürzter Form – den Beitrag von Professor Dr. Horkheimer.

Ich beginne mit einer historischen Reflexion. Auch der Übergang der Freiheit des Aristokraten an den Citoyen war in vieler Hinsicht mit ihrem Rückgang verknüpft. Der Prolet im Anfang des 19. Jahrhunderts war, trotz Arbeitshäusern zumindest dem Begriffe nach, kein Leibeigener mehr, und man konnte sich ihm gegenüber nicht mehr so benehmen wie früher. Die Sozialgeschichte Englands seit den Maschinenstürmern in den dreißiger Jahren war bekanntlich ein Kampf gegen die Gewalt der Unternehmer für die Verwirklichung der Demokratie.

Mit der steigenden Freiheit der Beherrschten wurden die Unabhängigen, die Bürger selbst, im Verkehr unter sich wie mit den Abhängigen, dazu getrieben, die Umgangsformen und damit das eigene Wesen weiter zu entfalten. Die Beziehung zu den Arbeitskräften nicht weniger als die wirtschaftliche Konkurrenz, der Handel und die Industrie, bedingten die Vervielfältigung, die Verfeinerung der Verfahrensweisen unter den Menschen und damit ihre größere innere Freiheit im Vergleich zum Adel, von dem die äußere übernommen war. Die Beschränkung der Freiheit hat ihre weitere Entfaltung bewirkt. Ob die Revolution der Technik in der Gegenwart dasselbe tut, das haben wir uns zu fragen.

Ob die Revolution der Technik in der Gegenwart, die in den entwickelten Ländern der Mehrzahl ein materiell verbessertes und gesichertes Dasein ermöglicht, zugleich zur menschlichen Differenzierung verhilft, ähnlich wie die Revolution des 18. Jahrhunderts der Bourgeoisie, ist eine Frage, die hier nur gestellt, nicht wirklich ausgebreitet werden kann. Einige Aspekte, die auf eine negative Antwort hinzuführen scheinen, seien angedeutet.

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