Von Willi M. Riegel

Was ist ein Tourist? Eine simple Frage? Nun, nach allgemeiner Definition der "einschlägigen Fachleute", von denen kürzlich ein Dutzend in Paris zusammensaß, ist ein Tourist nicht nur der Urlaubsreisende, sondern jeder, der mindestens eine Nacht außerhalb seiner Wohnung oder zumindest außerhalb seiner Landesgrenzen verbringt. Darunter fällt dann aber auch jede Geschäftsreise. Zudem stellen die verschiedenen europäischen Länder ihre Touristenstatistiken nach verschiedenen, oft nicht vergleichbaren Grundlagen auf. Das eine Land nimmt schlicht jeden Grenzübertritt in seine Touristenstatistik – Empfang oder "Aussendung" – auf, das andere jede Übernachtung von Ausländern, das dritte nur die Hotelübernachtungen, das vierte nur Urlaubs- oder Vergnügungsreisende. Also werden etwa Reisende von Frankreich nach Italien, da sie in der Regel dabei die Schweiz durchqueren, ohne sich dort aufzuhalten, "doppelt" gezählt, andererseits die sehr vielen Deutschen, die nach Frankreich durch Holland reisen und dort zwar viel Geld lassen, aber, besonders die Tagesausflügler, nicht übernachten, nicht statistisch erfaßt.

Immerhin heben eine Reihe von Fehlerquellen einander wieder auf, so daß schließlich die Statistiken doch stimmen mögen. Und eben diese Statistiken weisen aus, was ohnehin jedermann weiß: das Zeitalter des "globalen Tourismus" ist seit etwa zehn Jahren angebrochen und wird sich in weiteren zehn Jahren zu einer schlichtweg neuen Lebensform verstärkt haben. In der Expertensprache heißt das: "Der Tourismus ist eines der bedeutendsten soziologischen Phänomene der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts."

Ausgangspunkt der Untersuchungen dieses Pariser Kongresses ist das Jahr 1953. Seine erste Erkenntnis: Kein europäisches Land mit Ausnahme Portugals hat seit 1953 einen Zuwachs an "Touristenumschlag" (Aus- und Einreisen) von weniger als 400 Prozent zu verzeichnen. Deutschland ist hier, jedenfalls was die Ausreise angeht, Europas Vorreiter. Das Wandern ist wie eh und je der Deutschen Lust. Deutscher Index schon 1962/63: 610 (1953: 100). "Die deutschen Touristen waren und sind gewissermaßen die Hefe des europäischen Tourismus‘", nannte das ein französischer Referent. Zweimal deutsche Rekordindices: deutsche Auslandsübernachtungen im europäischen Ausland 1953 rund 10 Millionen, 1962 rund 55 Millionen.

Die Strategen des Fremdenverkehrs unterscheiden drei Gruppen des europäischen Tourismus. Die erste ist der Bundesrepublik als "weiterhin absolut führender" Touristennation Europas vorbehalten, wobei nicht nur alter deutscher Drang nach dem sonnigen Süden eine Rolle spielt (zurück zur "Politik der mittelalterlichen deutschen Kaiser", die ein deutscher Diskussionsredner bemühte), sondern mindestens ebensosehr allgemein hoher Lebensstandard in der Bundesrepublik. Die zweite Gruppe bilden Länder, deren Tourismus sich in den letzten Jahren verdoppelt und verdreifacht hat und die nicht nur Touristen "aussenden", sondern auch empfangen. Italien, Österreich, Frankreich und die skandinavischen Länder. In der dritten Gruppe rangieren dann die touristischen "Entwicklungsländer", von Belgien bis Spanien, Griechenland und Portugal.

Der Tourismus hat also zumindest fortan als vollgültige "Industrie" auf "gesamteuropäischer Ebene" zu gelten und betrifft nicht länger allein die Fremdenverkehrsvereine traditioneller Ferienorte. Landesplaner, Wirtschaftskalkulatoren, Raumordner, Straßenbauer, Verkehrsstrategen bis hin zu den "Güterverteilern" haben sich längst zu Hotellerie, Reisebüros und Kurtaxenberechnern gesellt. Bis 1975 soll sich der europäische Touristenverkehr gegenüber 1962 weiter verdoppelt haben. Deutsche Touristen übernachteten 1962 55millionenmal im Ausland, 1975 werden sie es 106millionenmal tun.

Diese Zahlen verlangen Vorsorge: Die Autostrada dei Fiori, die "Blumenautobahn" beispielsweise, zwischen Ventimiglia an der französisch-italienischen Grenze und Savona entlang der italienischen Riviera, soll ab 1970 den Hauptteil des französisch-italienischen Touristenverkehrs an der Küste absorbieren und die Verbindung zur Autostrada del Sole herstellen. Die Notwendigkeit lag auf der Hand. Das Gebiet ist bisher sehr schwach für den Verkehr erschlossen, mit einer überlasteten Hauptstraße und einer einzigen einbahnigen Eisenbahnlinie. Auf einer Länge von 114 Kilometern wird diese Autobahnstrecke zu mehr als der Hälfte aus Tunneln und Viadukten bestehen. Die ins Detail gehenden Vorausberechnungen haben ergeben, daß diese Autobahn 1970 bereits 61 Prozent und 1980 72 Prozent des gesamten Durchgangsverkehrs dieser Region absorbieren wird; in konkreten Zahlen: 12 400 Fahrzeuge pro Tag 1970 und 22 000 1980.

Aus den gleichen Überlegungen wurde in Paris auch das Projekt "Eurotourisme" ins Leben gerufen. Permanente Studien sollen den Regierungen, den einzelnen Fremdenverkehrsgebieten, den Kommunen und den Touristikunternehmen exakte Unterlagen über den Stand der touristischen Dinge und präzise Voraussagen über die mutmaßliche weitere Entwicklung liefern. Sie sollen Antwort auf die Fragen geben: wo, wie und wieviel muß hier oder dort investiert werden?