Die Börse hat seit unserer letzten Preis-Gewinn-Analyse von Ende Mai einige handfeste Belastungen aushalten müssen. Da ist der Vietnam-Konflikt, die Krise in Brüssel, der Kursrückgang an der New Yorker Börse und schließlich der Zusammenbruch des Rentenmarktes. Trotz allem ist der Index nur um vier Prozent gesunken, die Aktienkurse haben jedoch einen bemerkenswerten Tiefstand erreicht. Auf der Basis der Abschlüsse von 1964 hat das Bankhaus Herstatt eine durchschnittliche Preis-Gewinn-Rate von 12,5 errechnet. Unter Berücksichtigung der Gewinnerwartungen für 1965 dürfte sie jetzt schätzungsweise unter 12 liegen.

Durch den Rückgang der Rentenkurse ist der Preis für festverzinsliche Wertpapiere auf den 13fachen Ertrag gefallen; das entspricht einer Efektivverzinsung von 7,5 Prozent. Noch vor zwei Monaten betrug der Preis das 14,3 fache des Ertrages. Durch den Rückgang erscheinen vielen Aktien wenig reizvoll, zumal ihre Rentabilität durch manche Kostenerhöhungen bedroht wird.

Bei einer Beurteilung des Aktienmarktes sollte man aber berücksichtigen, daß die Börse oft die Entwicklung bereits vorwegnimmt. Die Kurse sind dann möglicherweise bereits weggelaufen, wenn die Umstände, die zu dieser Entwicklung gerührt haben, noch von allen Seiten heftig diskutiert werden. Es ist deshalb vielleicht ganz gut, sich jetzt an die Meinung des bekannten New Yorker Bankiers Baruch zu erinnern, daß wirtschaftliche Tatbestände sich an der Börse letzten Erdes doch immer durchsetzten.

Unter diesen Umständen ergeben sich an der Börse für die Zukunft interessante Aussichten, wenn man die Preis-Gewinn-Rate mit den gegenwärtigen Aktienkursen vergleicht.

Unsere Tabelle zeigt, daß die Farbennachfolger zum Beispiel nur mit dem 12- bis 14fachen Gewinn bezahlt werden. Normal wäre dagegen eine Preis-Gewinn-Rate von 18. Das entspricht einer Kursreserve von 15 Prozent. Noch billiger erscheinen nach der Tabelle die Elektro- und Kaufhauswerte mit einer Preis-Gewinn-Rate von ebenfalls 12 bis 14, während hier 17 als normal zu betrachten wäre. Die Kursreserven wären hier also sogar 20 Prozent. Erstaunlich niedrig bewertet angesichts der wertvollen Beteiligungen sird die Großbankaktien mit einer Rate von untei zehn, während das 15fache als angemessen gelten sollte. Auch bei der Maschinenbauindustrie und den untersuchten Montanunternehmen läßt sich noch eine Kursreserve von 10 bis 15 Prozent vermuten, ganz zu schweigen von der VW-Aktie, die nur mit dem l0fachen Gewinn kalkuliert bereits 700 Mark kosten müßte.

Wenn also die Börse trotz aller negativen Einflüsse relativ stabil geblieben ist, so ist das sicher nicht zuletzt auf die Diskrepanz zwischen den Kursen und der Preis-Gewinn-Rate zurückzuführen. In dieser Situation können klärende politische Entscheidungen oder günstige wirtschaftliche Zukunftsprognosen als Initialzündung für eine Aufwärtsentwicklung wirken. Für die Durchforstung der Bestände auf "Fußkranke" und selektive Aktienkäufe branchengünstiger Unternehmen mit dynamischem Management dürfte es deshalb jetzt Zeit sein. L. B. Kulsow