Auch in diesem Jahre erfährt die Öffentlichkeit nur wenig über einen der größten deutschen Industriekonzerne. Hinsichtlich ihrer Publizität ist die Firma Fried. Krupp, Essen, durchaus so etwas wie ein "Veilchen, das im Verborgenen blüht". Alljährlich gibt der Alleininhaber Alfried Krupp von Bohlen und Halbach in seiner Rede vor den Jubilaren der Firma in großen Zügen einen Überblick über die Entwicklung des Unternehmens. Das Umsatzvolumen wurde für 1964 mit 6 Milliarden DM angegeben, aber detailliertere Informationen über diesen Giganten, der mit seiner Belegschaft von weit über 100 000 Mann eine ganze Stadt bevölkern könnte, gab es wiederum nicht.

Einer echten Publizität unterzieht sich nach wie vor lediglich die Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG, die als 100prozentige Tochtergesellschaft der Firma Fried. Krupp die Montaninteressen der Gruppe kontrolliert. Dazu besteht hier gegenwärtig allerdings auch mehr Anlaß denn je. Krupp wird künftig nicht mehr der Allein-, sondern nur noch der Großaktionär dieser Tochter sein. Auch freie Aktionäre werden sich also in Zukunft für die Geschicke der Rheinhausen AG interessieren müssen. Zunächst einmal wird die freie Minderheit der Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation AG, in Rheinhausen ihre neue Heimat finden. Der Bochumer Verein, dessen Kapital zu gut 75 Prozent bei der Kruppschen Montanholding liegt, soll noch im Spätherbst dieses Jahres mit Rheinhausen fusionieren, die freien BV-Aktionäre sollen dann mit Rheinhausen-Aktien "entschädigt" werden. Zu welchen Bedingungen das geschehen soll, ist noch nicht klar. Ungewiß ist ebenfalls die Frage, ob die auf Rheinhausen umsteigenden BV-Aktionäre – sie verfügen über nom. 29 Millionen Mark Aktien – die einzigen bleiben werden, die mit Alfried Krupp von Bohlen und Halbach das Schicksal der Montangruppe des Krupp-Konzerns teilen werden.

Das etwas kuriose Schlagwort von der Privatisierung einer privaten Gesellschaft hat offenbar realere Hintergründe, als es zunächst schien. Im Hause Krupp werden die Möglichkeiten einer über die Umtauschaktion hinausgehenden Erweiterung des Aktionärkreises ernsthaft geprüft, und zusammen mit dem Bundesschatzministerium – wo diese Gedanken nicht nur wärmste Unterstützung, sondern vermutlich sogar ihren Ursprung finden – soll noch vor Ablauf dieses Jahres eine entsprechende Entscheidung getroffen werden. Nähere Einzelheiten dieser Aktion sind in Essen noch nicht zu erfahren. Es ist immerhin möglich, daß die leidige – und durchaus nicht mehr zeitgemäße – Verkaufsauflage, die immer noch für den Kruppschen Montanbesitz besteht, auf dem Wege zur Publikumsgesellschaft erledigt werden könnte.

Es ist kein Geheimnis, daß sich sowohl andere Montankonzerne als auch im Aktienwesen erfahrene Banken gegen eine Bundesförderung beim Verkauf von Rheinhausen-Aktien sehr stark machen. Und zwar aus unterschiedlichen Motiven. Die Konkurrenz vermag nicht einzusehen, warum man Krupp praktisch die Durchführung einer Kapitalerhöhung, also die Kapitalbeschaffung, durch Bundeszuschüsse erleichtern will, zu einem Zeitpunkt, da andere Montangesellschaften wegen der Kapitalmarktmisere praktisch von der Aufnahme neuen Kapitals ausgeschlossen sind. Die Banken warnen andererseits vor "Volksaktien" bei Unternehmen, deren Risiken so groß sind, daß sie von kleinen Sparern nicht mitgetragen werden können.

Aber ungeachtet dieser Diskussion, die noch weitgehend hinter den Kulissen geführt wird, ist die Frage, was Rheinhausen freien Aktionären zu bieten hätte, aktuell geworden. Dabei sind die Modalitäten des Aktienerwerbs, also der Eintrittspreis für die neuen Eigentümer, noch nicht einmal so wichtig wie die Aussichten, die der private Anteilseigner, sei er nun "Volksaktionär" oder Kleinkapitalist, bei diesem Unternehmen zu erwarten hat. Die Minderheitsaktionäre des Bochumer Vereins erhalten seit dem Abschluß des Organvertrages mit der Rheinhausen AG eine garantierte Dividende von 10 Prozent. Daß sie nach dem Umtausch nicht schlechter gestellt sein dürften, ist wohl anzunehmen. Aber wird Rheinhausen sich damit nicht übernehmen?

Es ist kein Geheimnis, daß die Kruppsche Montangruppe nicht gerade zu den Spitzenreitern in der Ruhr gehört. Geht man von den verfangenen Jahren aus, so sind die Aussichten auf eine gute Verzinsung des 320-Millionen-Kapitals durchaus nicht die besten. Allerdings darf wohl auch nicht übersehen werden, daß bisher die-Dividende für den Alleinaktionär meistens nur einen symbolischen Charakter zu haben brauchte. "Die Grundlage unserer bisherigen Bilanzpolitik" – so erklärte Rheinhausen-Vorstand Dr. Gerhard Platt in einer Pressekonferenz – ‚war die Tatsache, daß wir eine Ein-Mann-Gesellschaft sind." Der optische Gewinnausweis sei eben bisher nicht entscheidend gewesen; das könne sich aber ohne weiteres ändern, wenn dazu eine Notwendigkeit bestehen sollte. Bisher seien – so heißt es in Rheinhausen – alle steuerlichen Gewinnverwendungsmöglichkeiten in leichlichem Maße genutzt worden. Ob in dieser Dichtung hier indessen mehr getan worden ist, als bei anderen Montangesellschaften, die schon immer nicht nur eine angemessene Reservenbildung, sondern auch eine anständige Dividende erwirtschaften mußten und – konnten, läßt sich von außen schwer feststellen. Daß die Hütten- und Bergwerke Rheinhausen sich jedenfalls erheblich anstrengen müssen, um eine attraktive Publikumsgesellschaft zu werden, wird im Vorstand des Unternehmens nicht verkannt.

Sicherlich mit einem gewissen Recht setzt die Verwaltung große Hoffnungen auf die – zum Teil schon sichtbar werdende – organisatorische und technische Neugestaltung der Gruppe. Unter dem Damoklesschwert der Verkaufsauflage stehend hat Rheinhausen lange gewartet mit einer nachhaltigen Renovierung seiner Struktur; aber inzwischen ist auch hier Entscheidendes geschehen. Nach erheblichen Investitionsanstrengungen – insgesamt sind jetzt im Hüttenbereich seit der Währungsreform 1,13 Milliarden Mark investiert worden – ist das Walzprogramm der Hütte zunehmend gesundet, und auch die Stahlerzeugung hat sich insbesondere mit dem Bau eines neuen Blasstahlwerkes, das zu 80 Prozent fertiggestellt ist, auf moderne Entwicklungen eingestellt.

Das Tüpfelchen auf dem "i" wird von der bevorstehenden Fusion mit dem Bochumer Verein erwartet. Die Möglichkeiten des Verbundes, die Investitionsabstimmung, die Koordinierung der technischen, betrieblichen und kaufmännischen Organisation erhöhen ganz sicher die Wettbewerbsfähigkeit der Gruppe, die nunmehr auch im Bergbaubereich die Weichen für eine strukturelle Verbesserung gestellt hat. Von den sechs fördernden Schachtanlagen der Rheinhausen-Zechen, die im vergangenen Jahre 5,6 Millionen t Kohle zutage gebracht haben, werden nach drei Jahren noch zwei verblieben sein. Im Bochumer Raum entsteht durch Zusammen- und Stillegung eine Zentralschachtanlage mit der beachtlichen Tagesleistung von 9000 t, und die Schachtanlage Rossenray wird ebenfalls weiter auf 5000 Tagestonnen ausgebaut. Ingrid Neumann