Victor Alexandrov: Die Geheimnisse des Kreml – 800 Jahre Geschichte; aus dem Französischen von Pierre Kamnitzer; Rütten + Loening Verlag, München; 347 S., 19,80 DM.

Für den in Rußland geborenen, in Frankreich lebenden Alexandrov scheint es kein Thema zu geben, dem er sich nicht gewachsen glaubt, soweit es seine Heimat betrifft. Er schrieb über die Sowjetunion von heute, wie über den "Klub" der russisch-sowjetischen Marschälle, über die Affäre Tuchatschewski, die russischamerikanischen Beziehungen, wie über Nikita Chruschtschow. Nun bescherte er uns ein Werk über achthundert Jahre russische Geschichte.

Das besonders Peinliche an Alexandrovs Stil ist die Penetranz, mit der er, unbekümmert um alle historische Authentizität, sich an alldem delektiert, was mehr oder weniger mit l’amour zusammenhängt. Durchs Schlüsselloch gesehen ist Rußlands Vergangenheit notwendigerweise eine einzige chronique scandaleuse, entstammt Peter der Große – laut Alexandrov – vermutlich einer Liebschaft der Zarin Natalja mit dem Patriarchen Nikon und ist es nicht ausgeschlossen, daß Lenin an einer venerischen Krankheit starb. Kein Geschehnis des Sowjetstaates, an dem sich die heftig blühende Phantasie eines unbedarften Krimilesers weidet, wird ausgespart, keine Szene, mag sie von noch so abstruser Unwahrscheinlichkeit sein, wird unterdrückt, solange sie dem Moloch Spannung ein Fressen ist.

Wir sind alles andere als reich an neueren Darstellungen der Geschichte Rußlands und der Sowjetunion. Gerade die wirklichen Kenner der Materie befleißigen sich nicht selten einer betonten Zurückhaltung. Die häufig schmale Quellenbasis erlaubt es Schreiberlingen wie Alexandrov, sich dreist über alle Gebote der historischen Treue oder Wahrscheinlichkeit hinwegzusetzen. Erstaunt fragt man sich, wie es möglich ist, daß angesehene Verlage diesen Autor zu drucken wagten und sich der deutsche Verleger des vorliegenden Elaborats gar unterfing, diese Räuberpistole als "einen Schlüssel zum Verständnis der russischen Tragödie" anzupreisen.

Günther Specovius