Auf der Hauptversammlung der Norddeutsche Lederwerke AG, Neumünster, kam es zu einer sehr ernsten Debatte über die Zukunft des Unternehmens. In den letzten 10 Geschäftsjahren hat sich die Substanz der Gesellschaft um über 11 Millionen Mark vermindert. Bei einem Aktienkapital von 9,6 Millionen ist das ein Betrag, der schwer zu Buch schlägt. Jetzt sind sämtliche offenen Reserven verbraucht, ein Drittel des Grundbesitzes wurde verkauft und alle Wertpapiere sind versilbert worden. Die Aktionäre können von Glück sagen, daß die Gesellschaft wenigstens 1964 einen bescheidenen Betriebsgewinn erzielt hat, für 1965 müssen sie sich bereits wieder auf ein neues Defizit einstellen. Der ausgewiesene Verlust betrug Ende 1964 rund 300 000 Mark.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn bei vielen freien Aktionären (über 50 Prozent des Kapitals liegt bei den Familiengruppen Adler und Oppenheimer) der Wunsch nach einer Liquidation gewachsen ist. Der Großaktionär und die Verwaltung wollen davon nichts wissen. Es gibt aber zu denken, daß der Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Dr. v. Gleichenstein, auf der Hauptversammlung die Aktionäre aufforderte, dieses Thema nicht weiter zu vertiefen, da eine Liquidation für die Aktionäre kein günstiges Ergebnis mehr haben könne. Daraus läßt sich schließen, daß ein etwaiger Liquidationserlös pro Aktie unter 50 Mark liegen würde (der Börsenkurs beträgt 50 Prozent für Stamm- und Vorzugsaktien). Als die Stader Lederfabrik 1961 liquidierte, bekamen die Aktionäre noch 140 Prozent, bei der Lederwerke Wiemann AG wurden den freien Aktionären 1963 sogar 160 Prozent angeboten.

So gesehen scheint der Zeitpunkt für eine Liquidierung des Betriebes verpaßt zu sein. Franz, Heinrich Ulrich‚ Aufsichtsratsvorsitzender und Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, will allerdings den Vorwurf der "verpaßten Liquidation" nicht auf sich sitzen lassen. Er ist immer noch der Meinung, daß sich die Gesellschaft gesund schrumpfen und eines Tages wieder mit Gewinn arbeiten kann. Daß die freien Aktionäre solchen Tröstungen nur noch wenig Glauben schenken, ist ihnen nach vielen Jahren unerfreulichster Geschäftslage nicht zu verdenken. Sie drängen darauf, daß sich die Gesellschaft wenigstens ein "zweites Bein" anschafft, um vom Leder unabhängiger zu werden, wie es andere Lederfabriken bereits mit Erfolg getan haben. Nach wie vor scheut die Verwaltung in Neumünster jedoch das Risiko, das mit einem Gang ins Neuland verbunden ist. Hinzu kommt, daß heute für wirklich "große Lösungen" kein Geld mehr zur Verfügung steht.

Was geschieht aber, wenn sich die Verluste im Ledergeschäft noch einmal häufen sollten? Bei einem Warenbestand von 14 Millionen Mark (das l,5fache des Grundkapitals) sind die Risiken doch beträchtlich! Man kann nur hoffen, daß ihnen bereits in vollem Umfange in der Bilanz per 31. Dezember 1964 Rechnung getragen worden ist. War es vielleicht der heimliche Wunsch nach einer Überprüfung der Bilanzansätze durch einen "neuen Mann", der die Schutzvereinigung zu dem Antrag veranlaßte, einen Wechsel des Abschlußprüfers anzuregen? K. W.