Von den zwei Tagen, die man in Stuttgart verleben will, verbringt man einen halben mit Suchen. Andere Städte dehnen sich nur flächenhaft aus, Stuttgart geht gleichzeitig in die Höhe. Die Straßen winden sich an den Kesselwänden empor, was sowohl den Straßenbau als auch die Straßenbahn so teuer macht, und die Stuttgarter, die aus halber Höhe ins Zentrum wollen, müssen wacker Treppen hinabsteigen, Staffeln genannt. Das hat Stuttgarter Buben den Beinamen "Stäffelesrutscher" eingebracht. Und wer Kenntnisse von dieser Art abends beim Viertele Uhlbacher andeutet und auch einmal einen anteilnehmenden schwäbischen Gruß ganz ohne Pünktchen einstreut, dem kann es im Umgang mit Schwaben an freundlichem Interesse nicht gebrechen. Denn um Stuttgart kennen zu lernen, ist das wichtigste, die Stuttgarter kennen zu lernen.

Jetzt ist die Einleitung verquer genug, um dem vertrackten Stuttgarter Straßennetz zu entsprechen. Deshalb sei geraten, sich lieber gleich einen Stadtplan zu kaufen, denn mit den weitschweifigen Auskünften auf der Straße kommt man nicht weit, und der Abstraktion sind die Schwaben abhold.

Das städtische Verkehrsbüro ist im Hauptbahnhof unter den Arkaden. Dort gibt es für sechs Mark auch eine Karte für eine zwei- oder dreistündige Stadtrundfahrt (vom 1. Mai bis zum 31. Oktober täglich, sonst nur sonntags; Abfahrt um 10 und um 13.30 Uhr vom Hindenburgbau gegenüber dem Hauptbahnhof). In der Fahrt vormittags ist der Fernsehturm eingeschlossen. Die Nachmittagsfahrt ist dafür ergiebiger, sie führt auch nach Bad Cannstatt, wo Stuttgart am schwäbischsten ist, und zum Schloß Solitude, dem Lustschloß des Herzogs Carl Eugen, das die staatliche Denkmalpflege gegenwärtig viel Geld kostet, weil es vor zweihundert Jahren in beträchtlicher Eile und daher sehr schlampig errichtet worden ist. Auf den Fernsehturm (Eintritt einschließlich Fahrstuhl 1,50 Mark) sollte man keinesfalls verzichten – das tat nicht einmal die englische Königin –; von dem Restaurant und der Plattform in 150 Meter Höhe (Meereshöhe etwa 800 Meter) erschließt sich Stuttgart auf einen Blick, und der Betrachter wird ohne Einschränkung zugeben: Es ist eine wunderschön gelegene Stadt.

Stuttgart en detail – dazu empfehle ich diesen Rundgang: Vom Bahnhof, der als frühes Zeugnis eigenständigen, funktionsbetonten Stils (Baubeginn 1914) selbst schon einen Blick wert ist, geht es durch die Unterführung vom Bahnhofsturm in die Schloßgarten-Anlagen – überall wo Grün ist, zeigt sich Stuttgart von der besten Seite. Oberbürgermeister Dr. Klett, seit 1945 Chef der Stadt, stellt sich nicht ungern beim landwirtschaftlichen Hauptfest auf dem Cannstatter Rasen, der gleichzeitig als Campingplatz dient, als den größten Bauernschultes hin; diese harmonisch in die Landschaft gebettete Stadt – ich komme wohl doch nicht um den Werbeslogan "Großstadt zwischen Wald und Reben" herum – ist die größte landwirtschaftliche Gemeinde und – vorsichtig! die Heilbronner sind zu nahe dran – eine der größten Weinbaugemeinden des Bundesgebietes; nicht weniger als drei Viertel der städtischen Gemarkung sind Wald, Äcker, Weinberge, Obstanlagen und Gärten, und wir haben weit mehr Obstbäume als Einwohner. Wird irgendwo in einer Grünanlage ein Baum gefällt, ist todsicher damit zu rechnen, daß die Stadtverwaltung mißtrauische Bürger beruhigen muß. Sie sind so stolz auf die Bäume wie höchstens noch die Hamburger.

Die Fernsehstudios des Süddeutschen Rundfunks haben sie größtenteils in die Erde hineingebaut, um den Park der Villa Berg, einen der zahlreichen Parks, zu schonen. Von den Anlagen am Bahnhof aus überquert man die Schillerstraße auf einer Brücke und kommt an den Württembergischen Staatstheatern vorbei, dem kristallförmigen Baukörper des Kleinen Hauses und dem vor dem Ersten Weltkrieg erbauten Opernhaus (in beiden Häusern montags geschlossene Vorstellungen). Ganz in der Nähe, jenseits der Neckarstraße, die parallel zu unserem Spazierweg verläuft, ist die Staatsgalerie, die zu erwähnen sich seit einigen Jahren lohnt.

Freilich, mit der Kunst ist das in Stuttgart so eine Sache. Eine Plastik von Henry Moore, "Die Liegende", vor dem neuen Landtagsgebäude war lange Zeit das Objekt gereizter oder spöttischer Leserbriefe. Die Liederhalle, eine architektonische Pioniertat wie 1927 die von heute sehr namhaften Architekten erbaute Weißenhofsiedlung, war ebenfalls bewitzelt worden und schließlich auch der Fernsehturm. Die Stuttgarter kämpfen lieber für das Alte, was auch kein schlechter Zug ist.

Stuttgart, das im Krieg zu 40 Prozent zerstört war, hat keine historische und sehenswerte Altstadt mehr wie zum Beispiel die benachbarte und geschichtlich glanzvollere Freie Reichsstadt Esslingen; der Wiederaufbau und das Bemühen um leistungsfähige Verkehrswege, das gerade jetzt wieder einige riesige Baustellen zur Folge hat, haben die einstigen typischen Konturen stark verwischt, die Konturen einer bürgerlichen Residenzstadt, in der die Stuttgarter vor dem württembergischen Herrscher mit den Worten "Grüß Gott, Herr König" den Hut lupften. Wäre das Neue Schloß wiederaufgebaut worden, wenn sich die Bürger nicht dafür stark gemacht hätten? Und der Königsbau, ein dem Klassizismus nachempfundener Geschäftsbau am Schloßplatz? Und das Wilhelmspalais in der Neckarstraße, ebenfalls ein Denkmal aus residenzstädtischer Zeit, an dem vor kurzem erst die Gerüste gefallen sind?