Von W. Abendroth

Im Rahmen der Salzburger Festspiele waren drei Veranstaltungen dem Gedenken an Anton von Webern gewidmet, der am 15. September 1945 einer amerikanischen Gewehrkugel zum Opfer fiel.

Anton von Webern gehört zu den Erscheinungen der neueren Kulturgeschichte, die einstweilen einer unbestochenen sachlichen Beurteilung weitgehend entzogen sind, da die Auseinandersetzung um sie durch eine Fülle außersachlicher Motive – politische Ressentiments, ideologische Sympathien und Antipathien, menschliche Teilnahme an tragischen Schicksalen – verwirrt und getrübt ist. Auf Webern trifft das in ganz besonderem Maße zu. Von allen musikalischen Zeitgenossen des Hitlerschen Kunstterrors verkörperte er den äußersten Gegensatz zu dem, was damals gelten sollte. Daher war es fast eine psychologische Selbstverständlichkeit, daß nachmals auch das hellste Licht der Wieder-Entdeckung auf ihn fiel, die in Anbetracht seiner bescheidenen Rolle selbst vor der Zeit der Unterdrückung eigentlich eine Neu-Entdeckung war. Seither wurde sein Werk zu nahezu kanonischer Geltung hochgespielt. Der Name Anton von Webern bedeutet heute ein Programm.

Den programmatischen Charakter eines Bekenntnisses zu Webern enthüllte ungewollt die Gedenkansprache Heinrich Strobels. Ausgehend von dem Wort: "Der Stein, den die Bauleute veiworfen haben, der ist zum Eckstein geworden", räumte er ein, auch er selbst habe lange die Webernsche Musik nur als Kuriosität verstehen können, schließlich aber ihre überragende Größe und ihre entscheidende Zukunftsbedeutung erkannt. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen. Wenn aber der Festredner sich den heute oft zu hörenden fanatischen Lehrsatz zu eigen machte, "nach Webern könne nicht mehr so komponiert werden wie vorher", so muß das der Protest der Andersgläubigen herausfordern.

Wer vor zwei Jahren im Bayerischen Rundfunk die Sendereihe mit Anton von Weberns sämtlichen Werken und jetzt wieder die, durch den Zuwachs neu aufgefundener Frühwerke noch instruktiveren, Salzburger Gedenkkonzerte hörte, wird, sofern er eben nicht der Webern-Koifession anhängt, gerade die Zukunftsbedeutung dieser denkbar subjektiven Kunstäußerung zu bestreiten wagen. Weberns mimosische Esoterik nämlich scheint mir keinen Anfang, sondern ein Ende zu markieren.

Denn: Anfänge pflegen durch einen Überschuß an Naivität und Vitalität gekennzeichnet zu sein. Die Webern-Apostel jedoch sprechen, mit Recht, von der "äußersten Konsequenz" seines Weges. Konsequenz aber, so meine ich, schafft keine Initial-, sondern eine Finalsituation. Über ihre eigene Konsequenz hinaus kann keine Sache entwickelt werden.

Daher gibt es denn auch – allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz – keine Webern-Nachfolge im Sinne einer echten Weiterführung, sondern nur eine auf der Stelle tretende Webern-Nachahmung.