Berlin

Der Boden, auf dem die Berliner bauen müssen, ist rollig, im Gegensatz zu bindig, er neigt zu Verdichtungen. Das hat er vom Sand. Außer rolligem Baugrund besitzt das Nachkriegsberlin einige Bodenerhebungen, original Anlagen genannt, im Bundessprachdurchschnitt Park. Angelegt ist hier das Nachkriegskapital in Form von Millionen Kubikmetern Trümmerschutt. Eine gute Anlage, wie sich erwies, dem Schutz der Bürger, empfohlen, längst bewachsen, umbuscht, gehegt, geliebt.

Der Berliner Senator für Bau- und Wohnungswesen hatte eingeladen, man sollte besichtigen, was sich im Städte-, Verkehrs-, Kulturbau seit 1945 getan hatte, denn "am 13. August steht die Mauer vier Jahre". Wo der Krieg als negativer Stadtplaner ein Drittel sämtlicher Wohnungen total zerstört hatte, muß schon die Quantität des Wiederaufgebauten imponieren.

Senator Rolf Schwedler, nach der Spaltung Chef des Aufbaus im Westen, gab einen kurzen Überblick: Seit 1954 haben wir pro Jahr 20 000 Wohnungen – ein Kottbus – gebaut; insgesamt ein Hannover. Prinzip: relativ hoher Standard im Ausbau, keine Wohnung ohne Bad oder Dusche, früh schon Einbauküchen, seit zwei Jahren Einbauschränke. Obendrein, die Richtlinien für den sozialen Wohnungsbau der Bundesrepublik sind im wesentlichen vom Berliner Entwurf abgeschrieben. Viel mehr Berliner als Westdeutsche wohnen billig, denn die öffentliche Hand finanzierte über 90 Prozent (gegenüber Westdeutschland 50 Prozent).

Für Miete gab die zwischen Weißensee und Zehlendorf angesiedelte Mischrasse noch nie gern viel aus. Mit angeborenem Sinn für die Flüchtigkeit des Daseins, anders als der Schwabe und Hamburger, spart sie nicht unbedingt die Groschen für das Eigenheim mit Gartenzaun und Vollkomfort. Man zieht eine bescheidene Etagenwohnung vor und wenn’s langt, noch eine Laube, Höhepunkt: mit Wasseranstoß. Großstadtbewohner mit kleinbürgerlichen Neigungen ist der Berliner, sagt der Stuttgarter Architekt Rolf Gutbrod. Während das Kennzeichen anderer Großstädte die Wurzellosigkeit ist, verhindert in Berlin das Kleinbürgerliche, daß das Gemeinwesen unpersönlich wird.

Eine Proteststurmflut hatte im Anfang die Sorge der Bauplaner bei den 1500 Einwohnern ins Rollen gebracht, die im nordwestlichen Vorort Wittenau-Nord ein freies, grünes, "sanitär katastrophales", aber mietefreies Dasein führten. Man betrieb Gartenbau und Tierzucht, besaß einen hohen Motorisierungsstand (doch auch hohen Krankenstand) und sah fern für eine Vierteljahrspacht für die 600 bis 800 qm großen Parzellen, die noch keinen Bruchteil einer normalen Wohnungsmiete ausmachte. Das ist Vergangenheit. Nicht nur die superliberalen "Laubenpieper" – 50 000 Berliner werden in Zukunft in der Siedlung "Märkisches Viertel" ein Unterkommen finden, in "erweiterter Nachbarschaft – nicht zuviel, nicht zuwenig Kontakt". Der Generalbebauungsplan der Architekten Düttmann, Müller, Heinrichs, zeigt ein ungefähres Fünfeck mit hohen "Hufeisenschwerblocks mit erweiterten Innenhöfen", unterzogen von öffentlichen Gebäuden und Einfamilienhäusern, in der Mitte ein Einkaufs- und Gewerbezentrum (das den Hamburger Kaffeekaufmann Limberg zum Bauherrn hat). Die Laubenmenschen bekommen eine Billigkeitsentschädigung. 450 der "Abrißbetroffenen" wohnen schon neu, vorbildlich, sanitär, die meisten aber haben sich "nach vorn orientiert".

Das Gegenstück zum "Märkischen Viertel", dem frischesten der drei großen Wohnungsunternehmungen, ist die schon weiter gediehene BBR-Siedlung, wie es beim Bausenator am Fehrbelliner Platz heißt. Die Initialien sind von den ehemaligen stadtnahen Dörfern Britz, Buckow, Rudow ausgeborgt. Das nördliche und südliche Wohngebilde wird an die künftige U-Bahntrasse "angebunden", die später einmal über die doppelte Länge des heutigen Netzes (100 km) haben soll und mit den 15 verlängerten Krakenarmen in die vier Himmelsrichtungen greift – auch in die östliche. Mit starken, optimistischen Farblinien ist auf der Plankarte am Fehrbelliner Platz auch der Verlauf des neuen Schnellstraßensystems eingezeichnet, "kreuzungs- und anbaufrei", eingeteilt in Stadtautobahnring, an den die alten Reichsstraßen heranführen, und Tier Tangenten, die die frühere City samt Regierungsviertel berühren und den Mittelpunkt von Großberlin, den Dönhoffplatz, umschließen. Fertig sind 7,5 Kilometer dieser Autofahrerweide. Und das Ganze – für Söhne, Enkel? Baudirektor Leipold erwähnt die Lichtblicke, das heißt im Augenblick die praktische Zusammenarbeit zwischen West und Ost. Sie gibt es. Teilweise wird für die Stadtautobahn Gelände in Anspruch genommen, das der Reichsbahn (Ostberlin) untersteht. Grundsatz- und Einzelgenehmigungen dazu erteilt das Ostberliner Verkehrsministerium. "Die kommen ’rüber, kriegen unsere Pläne und nehmen die Gelegenheit, sich auch technisch zu unterrichten, wahr." Die Nahtstellen des Straßensystems sind drüben bekannt und festgelegt. Übrigens: die U-Bahn fährt zur Miete; für zwei Linien, die die Stadt nordsüdlich durchschneiden und dabei (ohne Halt) den Ostsektor durchfahren, zahlt die BVG West an die BVG Ost Benutzungsgebühr.