Daß es bei der bevorstehenden Bundestagswahl um nichts Geringeres als Deutschland geht, hat die CDU bei ihrer Massenkundgebung in der Westfalenhalle zu Dortmund unter Zuhilfenahme eines dekorativen Spruchbandes noch einmal in Erinnerung gebracht. Damit aber das Pathos dieses Parteislogans den Wähler nicht allzu lange im Zustand der Nachdenklichkeit halte, wurde die bündige Antwort auf die deutsche Schicksalsfrage sogleich und unmißverständlich erteilt – dies gereimt und in Töne gesetzt, ganz im Stil rheinischer Karnevalsmunterkeit: "Willy ist so gut nicht, besser ist der Ludwig, besser ist die CDU."

Es wird nicht berichtet, ob in der Westfalenhalle das neue CDU-Lied mehrstimmig gesungen worden ist. Dem Charakter der Veranstaltung hätte eine solche Darbietungsart wohl entsprochen. Einstimmigkeit, welche die etwas verbissen demonstrierte Siegesentschlossenheit der großen, alten CDU erst recht glaubwürdig gemacht hätte, ließ zu wünschen übrig. Die Differenzen wurden deutlich, als es um die Frage ging: Wie haltet Ihr’s mit der SPD?

Bundeskanzler Ludwig Erhard gab sich als Titelverteidiger, der zum harten Schlagwechsel mit dem politischen Hauptgegner fest entschlossen ist. Er sei beileibe nicht haßerfüllt gegen die Opposition, "aber man kann nicht mischen, was nicht zusammengehört". Dies ist ein Kanzlerwort, welches sicher viel für sich hat. Fragwürdiger sind da schon Erhards Pauschalthesen, in denen er apodiktisch erklärt: "Die SPD ist zur Führung nicht geeignet!" und "Wenn das Godesberger Programm verwirklicht worden wäre, wäre Deutschland verloren, wäre untergegangen".

Der Wahlkampf bringt es nun einmal mit sich, daß auch Politiker, deren Stärke die Stärke nicht ist, kämpferische Worte ausstreuen. Und er bringt es gleichfalls mit sich, daß sie die Worte nicht immer auf die Waagschale legen. So entstehen dann seltsame Gedankengebilde wie jener Erhard-Satz, worin er den Sozialdemokraten vorwarf, sie seien Blindgänger der Marktwirtschaft, die jetzt wie Blindschleichen, wie Erbschleicher an den Erfahrungen der CDU teilhaben wollten. Dieses zierliche Wortspiel verrät, wie wenig der Kanzler mit den Sozis gemein haben will – so wenig übrigens, daß er mit seinem Gegenkandidaten Willy Brandt nicht einmal den Fernsehschirm teilen möchte.

Dabei hätte Erhard gewiß Anlaß, sich gegenüber seinem Rivalen nicht allzu undankbar zu erweisen. Denn wäre jener stärker, dann würde seine eigene Schwäche – jedenfalls sie – noch viel deutlicher Profil gewinnen. Allein, der Kanzler will nicht. Müßte er sich, meinte er, mit Brandt über Finanzen, Wirtschaft und Währung unterhalten, dann gäbe dies doch nur ein "Bla-Bla" sondergleichen. "Ebensogut könnte ich mit den Professoren Hahn und Heisenbergüber Kernenergie diskutieren wollen." Hier geriet, im Eifer des Gefechts, die Logik ins Stolpern.

Aber kurzum, Erhard, welcher das "Bla-Bla", wie er sagt, so verabscheut, gab’s der SPD ganz gehörig. Und seine rednerischen Mitstreiter Dufhues und Barzel hielten kräftig mit. Kein Gedanke an eine Große Koalition! Davon könne, rief der geschäftsführende CDU-Vorsitzende Dufhues, "keine Rede sein und davon ist auch keine Rede mehr". Deutschland dürfe nicht sozialistisch werden, fügte er hinzu. "Die SPD ruiniert Wirtschaft und Währung ... Wir dürfen Deutschland nicht den Irrenden und Unerfahrenen überlassen."

Konrad Adenauer, von der Versammlung mit mehr Beifall begrüßt und verabschiedet als Ludwig Erhard, hat sich wahrhaftig der Freundschaft nach links nie verdächtig gemacht. Aber er hegt, scheint es, doch eigene Vorstellungen von Irrtum und Unerfahrenheit so manch eines Politikers. Es war gewiß mehr als eine geringfügige Meinungsnuance, vielmehr eine gezielte Attacke gegen seinen Nachfolger, als er erklärte, über Koalitionen könne erst nach der Wahl gesprochen werden. So schloß er die Möglichkeit einer Großen Koalition mindestens nicht aus.