Von Günther Penzoldt

Sie kannte mich nicht, aber sie war neugierig.

Sie wußte, daß ich mit einem Theater zu tun habe, das schon seit Jahren bemüht ist, in der Reihe anderer O’Neill-Inszenierungen auch das letzte nachgelassene Stück zu bringen, das bisher nur Stockholm aufführen durfte. Ich hatte ihr ein Briefchen geschrieben und meinen Anruf angekündigt, und als ich mich meldete, schlug sie mir vor, sofort zu ihr zu kommen.

Das klingt ganz amerikanisch und selbstverständlich in einem Land, wo man gesellschaftliche Umschweife haßt und sich ohne Umstände jederzeit besuchen kann. Aber Mrs. O’Neill war mir anders geschildert worden, schwierig, abweisend, kompliziert. Eine freundliche Dame, die es unternommen hatte, mir sonst überall Tür und Tor zu öffnen, schreckte vor dem Unternehmen O’Neill ausdrücklich zurück und war sehr froh, daß ich sie mit keiner Vermittlung belastete.

Nun war ich also auf dem Weg zu der berühmten Lady (von der mir gerade ein alter Theaterfachmann zugeflüstert hatte: sie war in ihrer Jugend so hübsch, sie muß, bevor sie diesen Sonderling heiratete, eine gewaltige Vergangenheit gehabt haben) und bummelte die sonnenwarme Madison Avenue hinunter auf der Suche nach dem ob, very expensive Hotel, in dem sie ihr Appartement hat.

Ein Duft von stiller Wohlhabenheit empfängt einen gleich in der kleinen Halle, das Personal spricht leise, und freundliche Rücksicht ist überall spürbar. Mrs. O’Neill wird telephonisch von meiner Anwesenheit verständigt, man bringt mich mit dem Fahrstuhl nach oben, und dort auf dem schmalen, mit einem geräuschetötenden weichen Läufer belegten Gang, kommt mir die Witwe des größten amerikanischen Dramatikers bereits entgegen. Es ist eine füllige Person, aber im Halbdunkel des Ganges auf dem alles dämpfenden Teppich scheint sie zu schweben. Auch schwankt sie etwas und hält die Arme leicht ausgebreitet, wie um sich rechts und links an den Wänden stützen zu können.

Einen Augenblick sieht es aus, als wollte sie mich umarmen, aber daran hat sie trotz aller Herzlichkeit, mit der sie mich empfängt, nicht gedacht. Im Gegenteil, sie suchte wirklich Halt. Ohne Brille konnte sie schlecht sehen, und sie war noch von einer in New York grassierenden Infektionskrankheit, die das Gleichgewichtsgefühl stört und schwindlig macht, ziemlich geschwächt.