Von Wanda Kampmann

Peter G. J. Pulzer: The Rise of Political Anti-Semitism in Germany and Austria. Verlag John Wiley and Sons, London; 364 Seiten, Paperback 20 s, Leinen 45 s.

Seit es die Emanzipationsbewegung gibt, haben wir den politischen Antisemitismus. In den Jahrzehnten vor dem Emanzipationsgesetz bekämpft er die Möglichkeit der staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden; seit sie in der Verfassung verankert ist, greift er diesen politisch-rechtlichen Status an und verlangt Ausnahmegesetze. Aber Berufsverbote, Einwanderungs- und Aufenthaltsbeschränkungen lassen sich ausdehnen und steigern, bis das Getto wieder da ist. Das war im Grunde auch gemeint, das Getto zum Schutz der Christen. Aber in einer säkularisierten Gesellschaft heißt es: zum Schutz des Kleingewerbes, des notleidenden Bauernstandes, der arteigenen deutschen Kultur und zuletzt zum Schütz des deutschen Blutes und der arischen Rasse.

Der politische Antisemitismus ist nicht von Anfang an mit dem Rassenwahn verknüpft, sondern er führt ökonomische Gründe ins Feld, legitimiert sich mit Kulturtheorien, mit der notwendigen Integrität der Nation oder des organischen Volkstums. Von hier aus, also von Treitschke und Stoecker, von Dühring, Lagarde und Chamberlain aus, sind dann die Übergänge fließend. Vom deutschen Blut zur arischen Rasse – das ist nur ein kurzer Schritt. In den siebziger Jahren kündigt sich das schon an, zwei Jahrzehnte später wirkt die Pseudowissenschaft der Rassenlehre in die Breite und verbündet sich mit einem mißverstandenen Darwinismus. Damit hat der politische Antisemitismus mächtige Motive gewonnen und dazu Zielvorstellungen, die weit über das Getto hinausgehen. Seit der Rassenantisemitismus seine dunklen Sprüche von der Weltgefahr des Judentums, von Rassentod und Rassenerneuerung murmelt, taucht auch das Gespenst der "endgültigen Lösung" auf. Schon vor der Jahrhundertwende waren alle Gedanken längst gedacht, die die Katastrophe vorbereitet haben.

Das Buch des Oxforder Historikers behandelt ausführlich die Entstehung und die Entwicklung dieses politischen Antisemitismus in der Zeit von 1867 bis 1914 und weist in einem Epilog auf die Nachkriegszeit hin, in der ein verwilderter Nationalismus die böse Saat aufgehen ließ, die Jahrzente vorher gesät war.

Es ist das Verdienst dieser übersichtlichen und fundierten Darstellung, daß sie Deutschland und Österreich stets miteinander vergleicht und dabei deutlich macht, wie sich die antisemitischen Strömungen gegenseitig bedingen und steigern und zuletzt bei dem Auftreten Hitlers verhängnisvoll ineinandergreifen. Eine solche Konfrontation beider Erscheinungen ist in der bisherigen Literatur über den Antisemitismus neu; der Verfasser ergänzt und erweitert damit die grundlegende Studie von Paul W. Massing.

Was sich bei der Lektüre des Buches dem Leser aufdrängt, sind einige nicht mehr ganz unbekannte, aber immer noch erstaunliche Tatsachen. Wir fassen sie unter dem Leitmotiv des Bündnisses mit der Demagogie. Da ist der immer noch intakte Konservativismus der herrschenden Klassen in Deutschland, der sich in den achtziger Jahren mit der sozialreformerischen Bewegung des Kleinbürgertums zusammenfindet und später einen antisemitischen Artikel in sein Parteiprogramm aufnimmt, mit dem er die Massen zu gewinnen hofft. Da gibt: es in Österreich das Bündnis des politischen Katholizismus romantisch-konservativer Prägung mit den Christlich-Sozialen der Gewerbereform und den "Deutsch-Nationalen" der Schönerer-Bewegung, eine Parteienkoalition, die sich "Vereinigte Christen" nannte. Aber die Schönerer-Anhänger hätten dem lockeren Kampfbund lieber den Namen "Vereinigte Antisemiten" gegeben, nicht zu unrecht, denn das Banner, unter dem so verschiedene Gruppen zeitweilig gemeinsam marschierten, war der Antisemitismus. Es verband sie aber auch, daß sie anti-liberal, anti-westlich, anti-individualistisch waren und in der Aufklärung und der Französischen Revolution nur das Gespenst des Aufruhrs und die Teufelsfratze der Gottlosigkeit sahen.