Von Klaus Bölling

Kaum aus Überzeugung, sondern weil er als Verräter geschmäht zu werden fürchtete, hat der liberale griechische Politiker Stephan Stephanopoulos dem König das Mandat für die Regierungsbildung schon nach wenigen Stunden zurückgegeben. Der ehemalige Außenminister, auf dem rechten Flügel der Zentrumsunion beheimatet, wird von seinen Freunden als Hamletnatur geschildert.

Doch selbst wenn dieser Mann von unbestrittenen intellektuellen Fähigkeiten und von persönlicher Lauterkeit mehr kämpferischen Geist gezeigt hätte, wäre es ihm sicher nicht gelungen, das Land aus der Krise herauszuführen. Seine Partei schätzt ihn, aber sie getraute sich nicht, gegen den Führer Georgios Papandreou in einem Augenblick aufzubegehren, da er mit den Gesten eines neuen Perikles vor das Volk tritt und sich ihm als die Personifikation der griechischen Demokratie vorstellt. Auch wollte Stephanopoulos nicht riskieren, daß sich die so wenig festgefügte Partei nach dem Scheitern des "Verräters" Athanasiades-Novas im Streit um seine Kandidatur in einander befehdende Fraktionen aufspalte.

In dem gleichen Maße, wie sich die Krisen der politischen Führung im griechischen Staat verschärfen, schwinden die Möglichkeiten einer haltbaren Lösung. Für die Katharsis scheinen alle Voraussetzungen zu fehlen. Papandreou mag sich von Konstantin in ähnlich schnöder Art "entlassen" fühlen wie einst Bismarck von seinem tatendurstigen Monarchen. Am Ende einer langen politischen Karriere, die ihn mehr als einen Mann des Kampfes denn als ruhig wägenden Staatsmann zeigt, geht es für Papandreou jetzt auch um seinen Platz in der Geschichte des modernen Hellas. Vom Hof schon in der Regierungszeit von König Paul und seiner politisch ambitionierten Gattin scheel angesehen, meint sich der "Alte aus Patras" vom König zur ganz persönlichen Kapitulation aufgefordert. Solcher Argwohn ist nicht unbegründet, weil Konstantin es bislang nicht verstanden hat, den Griechen glaubhaft zu machen, daß er seine Herrschaft wirklich als Volkskönigstum begreift.

Am hellenischen Hof gilt auch heute noch als oberste Maxime politischer Philosophie, daß Griechenlands Wohlfahrt am besten durch eine konservative Regierung, gesichert ist. Des Königs Ratgeber versperren sich der Einsicht, daß ein starker Mann, der bei grundsätzlicher Respektierung der Monarchie dennoch Distanz vom Palast hält, dem Griechenvolk dienlicher ist als ein Regierungschef, der sich auf die königliche Gunst angewiesen glaubt und dadurch mittelbar den Prozeß der Entfremdung zwischen König und Volk nur beschleunigt. Diese Erfahrung hat vor zwei Jahren auch der einst von König Paul ausgesuchte konservative Ministerpräsident Karamanlis machen müssen, der dem Hof zu stark und zu eigenmächtig geworden war und dem Paul und Friederike darum die Huld entzogen.

Der nach Meinung mancher ausländischer Beobachter scheinbar so umsichtig und gelassen auftretende junge König hat sich eher als Mann von raschen und nicht durchdachten Entschlüssen zu erkennen gegeben. Offenkundig meinten jene Gruppen, auf die zu hören er erzogen worden ist, sie könnten den Streit um die Stellung der Armee im Staat benutzen, um die Zentrumsunion Papandreous an ihren inneren Gegensätzen zerschellen zu lassen. Als diese Strategie fehlschlug, weil viele Zentrumsabgeordnete zwar der ichbezogenen Art Papandreous widerstrebten, aber in letzter Minute die Einheit der demokratischen Linken und der Mitte höher stellten als ihr Mißvergnügen am Parteiführer, bemühte der Hof den kommunistischen Beelzebub.

Auch nach dem Eingeständnis des konservativen Oppositionsführer Kanellopoulos sind die Kommunisten in Griechenland keine nennenswerte Kraft. Die Vorstellung, daß Papandreou Griechenland fahrlässig dem Kommunismus in die Arme treibt und insgeheim eine zum Sturz der Monarchie entschlossene Volksfrontregierung anstrebt, ist zwar von manchen deutschen Zeitungen eilfertig übernommen worden, läßt sich mit Tatsachen aber kaum belegen.