Von Ernst Weisenfeld

Paris, Anfang August

Er war kaum 31 Jahre alt, als er zum erstenmal auf einer Regierungsliste stand. Aber es fiel damals nicht besonders auf. Denn die Regierung, der er als Staatssekretär angehören sollte, scheiterte zwei Tage später am Parlament und wurde vergessen. Übrigens hatte auch deshalb die Ernennung kein sonderliches Aufsehen erregt, weil Valery Giscard d’Estaing als Politiker aus einem so guten "Stall" kam, daß er früher oder später diese Karriere machen mußte. Nach knapp zwei Jahren war es denn auch soweit. Antoine Pinay machte ihn 1959 in der ersten Regierung der V. Republik zu dem, was er schon 1957 bei ihm hatte werden sollen: Staatssekretär für Budgetfragen. Nach weiteren drei Jahren, 1962, übernahm Giscard d’Estaing dann selbst den großen Amtsbereich des Ministers für Wirtschaft und Finanzen. Sowohl Pinay als auch dessen Nachfolger Baumgartner, die sich beide mit de Gaulle und seinem Premierminister Debré überworfen hatten, fanden es ganz in der Ordnung – und sachlich gesehen als das kleinste Übel –, daß ihr brillanter Stellvertreter an ihren Platz vorrückte.

Wenn auch seine Beziehungen zu General de Gaulle sich manchmal ein wenig trübten, dann lag das zunächst am Stil seines Auftretens. Der Staatspräsident sah ihn einmal, politische Maßnahmen erläuternd, im Pullover am Bildschirm, ein anderes Mal erfuhr der Präsident aus der Zeitung, daß sein nach dem Premierminister mächtigster Mann in der Regierung mit der Metro in sein Ministerium gefahren sei. So etwas entspricht nicht der Würde und Distanz, die nach den Vorstellungen de Gaulles zur Ausübung von Staatsgeschäften gehören.

Eine gewisse Sorglosigkeit gegenüber Protokollfragen paßt durchaus in das Bild, das Giscard d’Estaing der Öffentlichkeit zeigte Wenn er in amtlicher Eigenschaft an ein Rednerpult tritt und zu einer Festgemeinde spricht, könnte er ebensogut ein junger Dozent der Harvard-Universität sein, der seine Studenten begrüßt. Das mag auch damit zusammenhängen, daß ihm das Lied von den Pflichten gegenüber dem Staat schon an der Wiege gesungen wurde. Er wurde für den Staatsdienst erzogen und findet nichts Besonderes dabei.

Als er 1926 geboren wurde, und zwar in Koblenz, war sein Vater gerade Finanzdirektor der französischen Besatzungszone im Rheinland. Sein Großvater mütterlicherseits, Jacques Bardoux, der als Universitätslehrer begonnen hatte, war 1919 Kabinettschef des Marschalls Foch, nachdem er vorher sein Verbindungsoffizier im englischen Hauptquartier gewesen war. Später leitete Bardoux jene Kommission, die für die Übereinstimmung der französischen und der englischen Fassung des Versailler Vertrages verantwortlich war. Von diesem Großvater hat Valery Giscard d’Estaing 1956 als Dreißigjähriger den Abgeordnetensitz in der Nationalversammlung übernommen. Übrigens hatte die sehr wohlhabende Familie mehrere Senatoren, Minister, Akademiemitglieder gestellt. Seine Ausbildung führte über zwei der großen Staatsschulen, von denen normalerweise eine genügt, um eine Karriere zu begründen: in den "Orden" der "Inspecteurs des Finances" und dann in das Arbeitskabinett des Ministerpräsidenten Edgar Faure. Als Giscard d’Estaing Abgeordneter wurde, gehörte er zum starken Lager der konservativen "Unabhängigen", das heißt zur klassischen Rechten.

Er wurde einmal auch verdächtigt, Beziehungen zur radikalen Rechten unterhalten zu haben. Eine Veröffentlichung unprüfbarer Geheimdokumente aus der Umgebung des Generals Salan ließ ihn als "OAS-verdächtig" erscheinen. Übrig blieb nur der Eindruck einer gewissen opportunistischen Gleichgültigkeit gegenüber einem Mitarbeiter, der Geheimnisse seines Amtes an die Putschorganisation in Algier weitertrug. Seine eigenen konspirativen Beziehungen zu den Algerien-Franzosen gingen in die Zeit zurück, in der auch der erste Premierminister der V. Republik, Michel Debré, in Algier an einem Sprungbrett für die Rückkehr des Generals de Gaulle an die Macht zimmerte.