Vierzehn Zacken hatte der goldene Stern im malaysischen Wappen. Seit Montag fehlt einer. Der Stadtstaat Singapur ist überraschend aus der erst zwei Jahre alten Föderation der vierzehn südostasiatischen Staaten ausgeschieden. Rassische Rivalitäten zwischen den Chinesen, die in Singapur in erdrückender Mehrheit leben, und dem Staatsvolk der Malaien führten zum Bruch, der vielleicht den Zusammensturz der ganzen Föderation nach sich zieht.

Die Sezession wurde am vorigen Samstag zwischen dem Ministerpräsidenten von Malaysia, Tunku Abdul Rahman, und dem Regierungschef von Singapur, Lee Kuan Yew, vertraglich besiegelt. Das Dokument war eines der bestgehütetsten Staatsgeheimnisse des Jahres. Erst wenige Stunden vor der Publikation erfuhren die britische Schutzmacht und die verbündeten Commonwealth-Länder Australien und Neuseeland von seiner Existenz.

Für den Tunku und seinen Partner Lee bedeutete dieser Tag das Ende eines schönen Traumes. Beide hatten im Herbst 1963 den Vielvölkerstaat, eine Hinterlassenschaft des britischen Empires, aus der Taufe gehoben, der ein demokratisches "Musterländle" Südostasiens, ein Hort rassischer Toleranz und ein Bollwerk gegen den Kommunismus werden sollte. Der Tunku wollte aus Singapur, der fünftgrößten Hafenstadt der Welt, ein "New York von Malaysia" machen. Mit Worten wie "schmerzlich" und "herzzerreißend" kommentierte er das Auseinandergehen. Premierminister Lee hatte Tränen in den Augen und brach zusammen, als er die Scheidung bekanntgab. Beide Partnerstaaten lösten ihre junge Ehe, wie man so sagt, "im besten Einvernehmen". Militärisch und wirtschaftlich wollen sie weiter zusammenarbeiten.

Dem Tunku darf man die Trauer über dieses jähe Ende der Föderation glauben. Eine Krankheit hatte ihn die letzten Wochen von den Amtsgeschäften ferngehalten. Anscheinend haben währenddessen einige Heißsporne der von Malayen beherrschten Regierungspartei die Spannungen so hochgetrieben, daß Singapur kein anderer Ausweg mehr blieb, als die Föderation zu verlassen, wollte es Blutvergießen verhindern.

Die malayischen Extremisten wollten die ihres Fleißes wegen gefürchteten Chinesen von Singapur niemals dabeihaben. Der Tunku, der auf die reiche Stadt nicht verzichten mochte, hatte deshalb die Staaten Sarawak und Sabah auf Nordborneo in die Föderation einbezogen, um das Übergewicht des chinesischen Bevölkerungsteils auszugleichen. Seither war das Verhältnis von Malayen und Chinesen unter den elf Millionen Einwohnern Malaysias etwa 42 zu 38 Prozent.

Der Gegensatz wurde durch ideologischen Zwist verschärft. Den konservativen Parteigängern des Tunku war Lees sozialistische Volksaktionspartei in Singapur seit jeher verdächtig. Andererseits hielten Lees Gefolgsleute den Feudalismus der Sultanate auf der malayischen Halbinsel für einen Anachronismus. Sie zogen sich den Verdacht zu, daß sie ihr sozialistisches Konzept ganz Malaysia aufprägen wollten. Im Frühjahr begann Lee für ein "malaysisches Malaysia" zu werben, das notfalls nur Singapur, Sarawak, Sabah und die malayischen Staaten Malakka und Penang umfassen sollte.

Malayische "Ultras" drohten ihrerseits, sich mit Indonesien zu arrangieren, um die Chinesen in Singapur an die Wand zu spielen. Präsident Sukarno von Indonesien wollte von Anbeginn den Nachbarstaat, den er als ein feindliches, neokolonialistisches Machwerk betrachtete, durch einen Guerillakrieg "zerschmettern". Sein Frohlocken über die Sezession Singapurs war groß, obschon sie ohne sein Zutun geschah. Die indonesische Regierung beeilte sich, dem neuen Staat die Anerkennung anzubieten.