Waldemar Ritter: Kurt Schumacher, Verlag J. H. W. Dietz, Hannover, 238 S., 12,– DM.

Es ist offenbar eine besonders deutsche Eigenheit zu meinen, die Politik beginne mit der Theorie. Häufig, zu häufig wird eine Konzeption "an sich" als wichtiger angesehen als angemessenes, von Tatsachen und Umständen gelenktes Handeln, das einer allgemeinen und bekannten Grundhaltung folgt. Der Mann im Mittelpunkt des vorliegenden Buches, Dr. Kurt Schumacher, war nach dem Zusammenbruch der totalitären Herrschaft in Deutschland der Vorsitzende und geistige und politische Führer der Sozialdemokraten. Es haben sich schon mehrere Verfasser an einer Darstellung der Persönlichkeit dieses Mannes versucht und dabei seine politischen und gesellschafts- und staatsrechtlichen Auffassungen untersucht, ohne daß der, dem dieser ungewöhnliche Mann näher bekannt war, immer befriedigt sein und etwa sagen konnte, das Bild entspreche dem Original.

Man kann aus den Reden und Aufsätzen Kurt Schumachers sehr viel Material zusammentragen und kann erstaunliche und erregende Zitate aneinanderreihen, ohne die wirklich nicht unkomplizierte Persönlichkeit dieses Mannes auch nur zu streifen. In der kurzen Zeit seines politischen Wirkens nach 1945 hat dieser gedanken- und tatenreiche Politiker (er starb 1952 erst 56 Jahre alt) eine Fülle von Ideen für die politische Arbeit des Tages beigesteuert, hat Aufgaben gestellt und Ziele gezeigt und ist doch immer wieder von der drängenden Verpflichtung für das Heute und Morgen überwältigt worden. Was er freilich gab, das entnahm er seiner in der Sozialdemokratie und ihrer Politik geformten und gewachsenen Persönlichkeit. In jenen Jahren mußte ein Chaos beseitigt werden. Schumacher wollte ein neues Deutschland bauen. Das Bild dessen, was werden sollte, stand ihm deutlich vor Augen. Er hat viele Jahre der erzwungenen Einsamkeit dazu verwendet, es sich zu schaffen. Dann wurde ihm durch die Tatsachen der Zeit, in der er lebte, der Realismus aufgezwungen, den man an ihm rühmt. Fanatischer Glaube und entschiedenes Wollen waren ihm von Natur eigen. Mindert eine solche Mischung von Wollen und Müssen, von Erkenntnissen und Pflichten die Bedeutung eines Mannes, der als Politiker an seine Zeit und ihre Wirklichkeit gebunden sein muß?

Wir haben das Buch von Waldemar Ritter, eine Untersuchung der politischen Konzeption Schumachers, nicht mit gleichbleibendem Empfinden gelesen. Es bringt viel interessantes Material. Daß an anderen Orten anderes Material vorhanden ist, schmälert den Wert dieser Arbeit nicht. Daß der Verfasser die Folgerung zieht, Schumacher habe keine "geschlossene Theorie" gehabt, halten wir für nützlich und redlich.

Schumacher war mehr Politiker als Theoretiker – in seiner ihm eigenen Welt.

Ritter bemüht sich, aus umfangreichem Material, das politisch tätige Menschen und solche kennen sollten, die den Anspruch auf ein politisches Urteil erheben, eine Theorie zu erkennen, eine "politische Konzeption Kurt Schumachers als eine Größe an sich". Wahrscheinlich wird eine exakte Biographie über diesen Mann die Kenntnis der Leitbilder noch eindringlicher machen können, an denen Schumacher sich orientierte, als eine Analyse seiner Äußerungen und Handlungen, die schließlich zu einer "Konzeption" gelangt, die "an sich" keine war. Oder war seine Forderung nach einem "Neubau" Deutschlands, die er der Formel nach einem "Wiederaufbau" gegenüberstellte, ein Konzept? Es war ein Leitbild für die praktische Politik, eine Konsequenz aus der überlieferten Programmatik der Partei, die er zu neuem Leben rief und die als ihr Ziel verfolgte, "die ganze Gesellschaft für immer von Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkämpfen zu befreien" (Friedrich Engels, 1883) und "eine neue Gesellschaft, die nicht auf Ausbeutung und Unterdrückung beruht" zu schaffen (Kurt Schumacher, 1952), die "uns nicht durch einen gesetzmäßigen Ablauf der Geschichte zwangsläufig in den Schoß fällt. Nur durch zielklares und verantwortungsbewußtes Handeln können wir uns eine bessere Gesellschaft erkämpfen". Schumacher war weit mehr als viele, die ihn zu kennen glauben, zugeben werden, ein Realist, und darin bestand seine große Leistung. Sie wird in diesem lesenswerten Buche sichtbar. Fritz Sänger