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Von Marion Gräfin Dönhoff

Sehen Sie", sagte Bergwerksdirektor Dr. Eugen Plotzki, der am ersten Tag meines Aufenthalts in Afrika mit mir über das Gelände der DELIMCO – einer deutsch-liberianischen Bergwerksgesellschaft – wanderte, "dies hier waren unsere ersten Anfänge." Er wies auf drei einfache, mit Palmenblättern gedeckte Hütten, die im Schatten alter Bäume standen. Ganz museal wirken diese drei Gebäude, die einst die ersten Vorboten des Fortschritts waren. Ja, fast scheinen sie inzwischen zum Fremdkörper in einer Umgebung geworden zu sein, die heute charakterisiert ist durch den Einbruch der technischen Zivilisation in den Urwald: breite, feste Straßen, auf denen überdimensionierte Laster hin und her eilen, Schienen, Rohre, industrielle Anlagen, große Siedlungen, viele bunte Bungalows... Wie jene Schmiede, die der Uranfang der Kruppschen Werke war, fiel mir plötzlich ein. Aber was für ein abwegiger Einfall – hier liegen nicht wie dort ein paar Generationen zwischen dem Einst und Jetzt, sondern nur ein paar Jahre.

Im Januar 1960 war ich einmal über dieses Gebiet geflogen. Dr. Plotzki hatte mich damals in einem winzigen Flugzeug mitgenommen, mit dem wir von Monrovia, dem St. Pauls River folgend, nach Norden geflogen waren über schier endlose Wälder, bis wir in der weiten, grünen Landschaft plötzlich eine verhältnismäßig hohe Bergkette vor uns sahen, die Bong Range. Wir flogen sehr niedrig und kreisten ein paarmal um den 400 Meter hohen Erzberg, der heute schon 30 Meter von seiner stattlichen Höhe, die im Tagebau abgetragen worden ist, eingebüßt hat.

Damals hatte ich jene drei Hütten von oben gesehen und ein paar Leute, die uns zuwinkten. Das war alles. Heute arbeiten auf diesem Areal 2200 Leute, und etwa 8500 haben sich rund um die Konzession angesiedelt, um zu versuchen, denen, die innerhalb ihrer Grenzen, regelmäßig, Woche für Woche, das ganze Jahr über, Geld verdienen, dieses wieder abzujagen. Heutzutage geht die Entwicklung eben auch in Afrika mit einer nie für möglich gehaltenen Schnelligkeit vor sich. Liberia hat seine erste Tonne Erz im Jahre 1952 exportiert. Heute – zwölf Jahre später – ist dieses Land zum größten Erz-Exporteur der Welt geworden. Liberia wird in diesem Jahr, wenn neben drei anderen großen Gesellschaften die Bong zum erstenmal funktioniert, 15 Millionen Tonnen Erz verschiffen.

Der Konzessionsvertrag zwischen dem Staat Liberia und der "Gewerkschaft Exploration" – einem Konsortium deutscher Hüttenwerke (August Thyssen-Hütte, Dortmund-Hörder Hüttenunion, Phönix-Rheinrohr, Rheinische Stahlwerke, Bochumer Verein) – ist im Sommer 1958 abgeschlossen worden. In diesem Vertrag wurde der "Gewerkschaft Exploration" das Recht auf Erzabbau gewährt. Es wurde ferner bestimmt, daß zur Durchführung des Konzessionsvertrages jene DELIMCO gegründet werde, also die Deutsch-Liberianische Mining Company, in die Liberia seine Bodenschätze, die ausländischen Partner aber ihr Kapital und ihren know-how einzubringen verpflichtet sind. Der Gewinn wird im Verhältnis fünfzig zu fünfzig geteilt. Es handelt sich mithin um einen echten Partnerschaftsvertrag, so wie er das Ideal für die Entwicklung der Entwicklungsländer sein sollte.

Um einem möglichen Irrtum vorzubeugen: Es handelt sich hier nicht um ein Projekt der Entwicklungshilfe, sondern um die größte private Investition der deutschen Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg. Rund 350 Millionen DM Kapital sind aufgebracht worden; dreiviertel dieser Summe von den deutschen Aktionären, ein Viertel von der italienischen Finsider, einer Gesellschaft, die zu 60 Prozent dem italienischen Staat gehört.

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Bei der vorgesehenen Förderung von 3 Millionen Tonnen Konzentrat und einem festgesetzten Preis werden die Exporte der Bong Mining Company einen Wert von jährlich 20 Millionen Dollar darstellen; noch im Jahre 1962 betrug die gesamte Ausfuhr Liberias nicht mehr als 68 Millionen Dollar. Liberia wird also im Gegensatz zu vielen anderen Entwicklungsländern, die unter den ständigen Schwankungen der Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt zu leiden haben, mit festen Einnahmen rechnen können.

Das deutsche Unternehmen wie auch die anderen 38 großen Konzerne, die sich im Lande niedergelassen haben und deren Investitionssummen zusammen 12 Milliarden DM betragen, hatte nur gestartet werden können, weil Präsident Tubman während seiner nunmehr 20jährigen Regierungszeit stets die "Politik der offenen Tür" verfolgt hat. Er hatte früh erkannt, daß es Liberia an Kapital und know-how fehlt, und er hatte sich darum immer wieder in vielen großen Reden für Freihandel und Partnerschaft eingesetzt und den Schutz aller Investitionen garantiert sowie in vielen Fällen Steuerfreiheit und fast immer sehr günstige Niederlassungsvorschriften. Reichtum, der unter der Erde liegt, pflegte Tubman zu sagen, ist wertlos für den Eigentümer, der es sich nicht leisten kann, eine Schaufel zu kaufen.

Daß der Präsident es sich leisten konnte, diese Haltung einzunehmen, hängt sicherlich damit zusammen, daß Liberia sich nie in kolonialer Abhängigkeit befunden hat und die Bevölkerung daher ohne Ressentiments ist. Dank Tubmans Politik sind während vieler Jahre jährlich rund 300 Millionen DM zur Anlage nach Liberia hereingeströmt. Zwar ist an der Tatsache nichts zu deuteln, daß die Wirtschaft zur Zeit von fremdem Finanzkapital beherrscht wird – 90 Prozent aller Arbeitgeber sind Ausländer –, aber Liberia ist dadurch auch in den Genuß großer sozialer und kultureller Vorteile gelangt: Viele jener ausländischen Firmen bilden ihren Nachwuchs und ihre Arbeiter selbst aus und haben Krankenhäuser und Schulen gebaut, die sonst in Jahren noch nicht entstanden wären.

Mir erschien die Tatsache höchst verwunderlich, daß da Firmen aus dem Ruhrgebiet riesige Investitionen in Afrika vornehmen, um dann selbst jedes Jahr drei Millionen Tonnen Eisenkonzentrat herzustellen und dies schließlich auf eigene Rechnung über 6000 km zu verschiffen. "Warum kaufen denn die Hüttenwerke diese drei Millionen Tonnen nicht einfach am Weltmarkt?" fragte ich Dr. Plotzki. Seine Antwort überraschte mich außerordentlich:

"Weil die Ruhr 90 Prozent ihres Erzbedarfs ohnehin am Weltmarkt kauft, also hinsichtlich dieses existentiell wichtigen Rohstoffes fast ganz von fremden Produzenten abhängig ist."

"Wie hoch ist denn der Bedarf der Ruhr insgesamt?"

"Im vorigen Jahr wurden 30 Millionen Tonnen verarbeitet, davon kamen 10,5 Millionen aus Europa – vorwiegend aus Schweden –, 7,5 Millionen aus Afrika, 6,5 Millionen aus Südamerika und je etwa 0,7 Millionen Tonnen aus Asien und Nordamerika. Dies der Grund, warum die Ruhr den Wunsch hat, sich etwas unabhängiger von den Zufällen des Marktes und dem Monopol der Erzproduzenten zu machen."

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Dr. Plotzki, ein dunkler, drahtiger Typ, der aus Ostpreußen stammt, ist nicht nur Präsident der Bong Mining Company, die von der DELIMCO das Recht zur Ausbeutung der Erzlagerstätten übertragen bekam, er war auch die treibende Kraft des ganzen Projektes. Und was gehört nicht alles zu so einem Projekt – fast ist es ein Staat im Staate –, von den ersten Erzproben, die 1957 untersucht wurden, bis zur ersten Verladung am Pier des selbstgebauten Hafens im Sommer 1965.

In dem Bericht, den Dr. Plotzki nach seiner ersten Besichtigung des Geländes im Mai 1957 verfaßte, stellte er fest, daß es in Bong Range drei Dörfer gab, die etwa vier Wegstunden voneinander entfernt lagen und die jeweils von etwa 200 Menschen bewohnt waren. Plotzki war damals mit einem liberianischen Ingenieur und ein paar Trägern unterwegs. Nur mit Hängematte, Taschenmagnet, Taschenmikroskop und Lupe ausgerüstet, sollte er sich zunächst einmal einen Begriff von diesem Gebiet verschaffen. Der Urwald war damals so dicht, daß er nur mit Blitzlicht Aufnahmen machen konnte. Die erste Inspizierung ergab, daß es offenbar lohnend sei, sich für einen Konzessionsvertrag zu interessieren.

Nächste Phase: Ein junger deutscher Bergingenieur wird dem Liberianer zugeordnet, und 50 Arbeiter werden angeworben. Jene drei Hütten wurden gebaut und Pfade angelegt. Im Herbst 1958 sichert man sich den Konzessionsvertrag, aber ob die Anlage wirklich gebaut werden wird, steht noch längst nicht fest.

Nächste Phase: 300 Arbeiter werden angeheuert. Ein Campus wird gebaut, und dann beginnt zunächst die Untersuchung des Erzlagers: Schürfgräben werden angelegt. A’uf der einen Seite den Berg hinauf, auf der anderen Seite hinunter – alle 100 Meter ein manchmal bis zu 10 Meter tiefer Graben, um das Gestein zu ergründen. Rund 16 Kilometer solcher Gräben werden angelegt. Da es nicht die Möglichkeit gibt, Bohrgeräte in den Urwald zu transportieren, dauert diese Arbeit ein ganzes Jahr.

Nächste Phase: Ein Geologe und ein Vermessungsingenieur werden den beiden Bergingenieuren zugeordnet. Mit primitiven Flaschenzügen wird ein Kompressor mit zwei Preßluftbohrgeräten heraufgebracht und ein Stollen von 2X2 Meter Weite auf halber Höhe 150 Meter tief in den Berg hineingetrieben. Zusätzlich werden weitere 9000 kleine Bohrungen vorgenommen, bis man schließlich den Berg wirklich "in- und auswendig" kennt und klar geworden ist, daß das Projekt in großem Stil in Angriff genommen werden kann.

Nächste Phase: Ein eigener Hafen muß gebaut werden. Denn im vorhandenen Hafen liegen die Schiffe oft 30 Tage vor Anker, bis sie gelöscht werden. Die Fahrrinne wird also ausgebaggert und ein Terrain von 300 Meter Breite und 900 Meter Länge aufgeschüttet – Kostenpunkt 30 Millionen DM.

Die Wohn-Hierarchie

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Nächste Phase: Eine Eisenbahn von 80 Kilometer Länge muß gebaut werden. Als im Herbst 1964 die Strecke fertig verlegt ist, versackt plötzlich auf 800 Meter Länge ein Teil des aufgeschütteten Damms: 300 000 Kubikmeter Schotter müssen zusätzlich angefahren werden. Aber dann ist es endlich soweit, daß vier elektrische Dieselloks zu je 2000 PS und 90 allermodernste, in Italien gebaute 80-Tonnen-Waggons von der Bong zum Hafen rollen können. Kostenpunkt allein der Bahnstrecke 74 Millionen DM.

Dies alles stellte aber nur sozusagen die Voraussetzungen für die Anlage dar; was dann auf dem eigentlichen Industriegelände alles entstanden ist, läßt sich im einzelnen gar nicht aufzählen; nur ein paar Stichworte: ein Kraftwerk, eine 11 Kilometer lange Wasserleitung, die Aufbereitung – die allein ein Drittel der gesamten Investitionen verschlungen hat –, ein Krankenhaus, Schulen, Hunderte von Wohnhäusern.

Typisch deutsch erschien mir, daß die soziale Struktur an den Wohnhaustypen ablesbar ist. Von W1 bis W6 gibt es sechs verschiedene Typen, die sechs verschiedenen Kategorien der hierarchischen Stufenleiter entsprechen. Freilich ist es in Afrika weit besser, sechs Klassen zu haben, als etwa nur zwei. Denn zwei, das würde vermutlich bedeuten, eine für die Weißen und die andere für die Schwarzen. Davon aber ist auf der Bong gar keine Rede, Schwarz und Weiß werden gleich bezahlt, die Weißen bekommen lediglich eine Zulage für Übersee. 60 Schwarze haben den Angestellten-Status erreicht. Mit anderen Worten, sie werden monatlich besoldet (auch 120 schwarze Facharbeiter stehen im Monatslohn), wohnen im Verband der 250 weißen Angestellten, ihre Kinder gehen zusammen mit deren Kindern in den Kindergarten und später in die Schule. Die Spitze dieser liberianischen Angestellten erreicht die Gehaltsklasse DM 2000 monatlich.

Über die mir befremdlich erscheinende strenge hierarchische Gliederung – Wohneinheit eins bis sechs – sprach ich mit dem örtlichen Chef der Gesellschaft, Bergwerksdirektor Karl Heinz Zepter: "Hier draußen erschöpft sich die Leitung eines solchen Unternehmens ja nicht in der technischen und geschäftlichen Führung, sondern auch die Betreuung der menschlichen Beziehungen, die zwangsläufig auch die Freizeit, auch das Zuhause umfaßt, ist von entscheidender Bedeutung. Da ist es denn oft ganz angenehm, wenn es feste Ordnungskategorien gibt."

"Ist es in einer solchen Situation eigentlich leichter, junge oder ältere Mitarbeiter mit der Gemeinschaft in Einklang zu halten?"

"Das Durchschnittsalter bei uns beträgt einschließlich des Management 30 Jahre – wir haben also gar keine alten Leute."

Mir erschien diese Zahl verblüffend. Und da ich inzwischen begonnen hatte, in Zepters Büro die graphischen Darstellungen, Statistiken und Aufstellungen zu studieren, ergaben sich immer neue Fragen, die der Chef ohne Zögern präzis und sehr offen beantwortete:

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"Ja, Sie haben recht, es gibt offenbar gewisse Gesetzmäßigkeiten. Bei den Weißen beispielsweise wächst die Nervosität und damit die Neigung zu kündigen, jeweils am Ende der Regenzeit (Anfang Oktober) und desgleichen am Ende der Trockenzeit (Ende April). Bei den Schwarzen wiederum haben wir festgestellt, daß während der Regenzeit alles im Betrieb bleibt, aber zu Beginn der Reisernte die Fluktuation groß wird."

Das mit den Weißen und der Regenzeit konnte ich im übrigen gut verstehen. Während meiner ersten 48 Stunden in Liberia stürzte etwa ein Fünftel der Wassermenge auf uns hernieder, die in Hamburg, wo man doch "mit dem Regenschirm in der Hand geboren" wird, in zwölf Monaten vom Himmel träufelt. Nach einer Woche derartiger Sturzfluten bei großer Hitze hatte ich das Gefühl, ich selbst würde längst vor der ersten Halbzeit kündigungsreif sein.

Es ist nicht leicht, sich eine Vorstellung von dem sozialen Standard der liberianischen Arbeiter zu machen, die sich bei einem solchen Unternehmen einfinden. Kommt die Mehrzahl direkt aus dem Urwald oder lebten viele von ihnen schon zuvor im Bereich der Zivilisation? Die Soziologen teilen die Bevölkerung der afrikanischen Staaten gern in zwei Kategorien ein, in diejenigen, die "innerhalb der Geldwirtschaft" leben, und diejenigen, die fernab der Zivilisation ihr Leben im "Hinterland" auf sozusagen vegetative Weise verbringen.

Man nimmt an, daß in Liberia von den rund 450 000 Beschäftigten nur etwa 85 000 innerhalb der "Geldwirtschaft", also im Bereich der Zivilisation tätig sind. Während im Hinterland das Einkommen pro Jahr nud Kopf ungefähr 200 DM entspricht, ist es im Bereich der Geldwirtschaft wahrscheinlich drei- bis viermal so hoch.

Und noch eine andere aufschlußreiche Statistik: Nur etwa acht Prozent der Bevölkerung sind Christen und ein Prozent Mohammedaner – alle übrigen, also 90 Prozent, huldigen irgendwelchen traditionellen Vorstellungen. Von den Arbeitern der Bong sind dagegen 56 Prozent Christen, elf Prozent Mohammedaner; 34 Prozent der Arbeiter haben ferner eine Schule besucht; 66 Prozent geben an, keine Schulbildung genossen zu haben. Man muß also annehmen, daß nur eine Minderheit dieser Belegschaft wirklich aus dem Urwald kommt.

Viele Stunden wanderte ich an mehreren Tagen mit Bergwerksdirektor Zepter über das weitläufige Gelände. Ich sah den größten "Vorbrecher" der Welt, der 440 Tonnen wiegt und der die Erzklumpen zertrümmert und zerbröckelt, die von riesigen amerikanischen 45-Tonnen-Euclid-Lastern (auch sie größer als alles, was wir in der Bundesrepublik kennen) herangeschafft werden. Wir besuchten das Krankenhaus, das, mit allen modernen Apparaten ausgestattet, über 24 Betten verfügt. Täglich finden sich dort schwarze und weiße Patienten ein, die von den beiden deutschen Doktoren und ihrem Hilfepersonal "verarztet" werden.

Geplant ist, daß dieses Krankenhaus in Zukunft eng mit dem Tropeninstitut in Hamburg zusammenarbeiten wird. Das weltberühmte Hamburger Institut hat nämlich keine Zweigstelle in den Tropen. Wenn der Plan zustande kommt, wird dem Krankenhaus der Bong ein Laboratorium angegliedert werden, in dem mehrere Ärzte des Tropeninstituts dann Hand in Hand mit den Doktoren der deutsch-liberianischen Bergwerksgesellschaft arbeiten werden.

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Wir besuchten auch Günter Köhler, den Leiter des Schulwesens der Bong, dem die neunklassige deutsche Volksschule, ein Fröbel-Kindergarten und eine sechsklassige liberianische Elementarschule unterstehen, sowie eine Abendschule für Erwachsene. Insgesamt wirkt ein Dutzend Lehrkräfte dort. Günter Köhler, einst der jüngste Rektor Nordrhein-Westfalens, ist seit zweieinhalb Jahren in Liberia. Der Kultusminister von Nordrhein-Westfalen hat ihn für diesen Zweck beurlaubt und damit ein Opfer gebracht, das sich vielfach verzinst. Köhler ist heute das einzige weiße Mitglied der Zentralen Prüfungskommission Liberias und im ganzen Lande sehr angesehen.

Aus den Statistiken ergab sich, daß, einschließlich Frauen und Kindern, annähernd 10 000 Liberianer auf der Bong Mine leben – übrigens etwa die Hälfte von ihnen in eigenen Werkwohnungen. Ungezählte große und kleine Kinder mit blanken Augen hatte ich ja auch in den verschiedenen Klassen rechnen, zeichnen und turnen sehen, viele Frauen hatte ich beim Waschen, Schwätzen und Kochen in ihren Häusern beobachtet. Aber wo waren eigentlich die dazugehörigen Männer?

Eines Tages fragte ich Herrn Zepter: "Wofür brauchen Sie eigentlich so viele Arbeiter? Wir sind doch jetzt dem ganzen Produktionsgang gefolgt, vom Erzberg über den Vorbrecher zu der riesigen Konzentrationsanlage, und ich habe auch unten in Monrovia zugesehen, wie die Waggons mit Konzentrat ankommen, und der "schwarze Grus’ schließlich verladen wird: überall Förderbänder, Schaufelradbagger, Kipploren; eigentlich habe ich außer dem Sprengkommando und den Baggerführern und Euclidfahrern kaum irgendwo Leute gesehen?"

Zepter lachte und sagte: "Ich habe einmal ausgerechnet, daß für den ganzen Arbeitsvorgang vom Sprengkommando bis zur Schiffsverladung 157 Leute ausreichen würden. Aber jetzt will ich Ihnen zeigen, wo die andern stecken und warum sie unentbehrlich sind." Und dann gingen wir zu einer riesigen Werkhalle, wo der Fuhrpark repariert wird, zur Materialausgabe, wo etwa 40 000 verschiedene Teile registriert sind, zur Wäscherei, Bäckerei, der Küche, dem Kasino, dem Kaufladen, der Poststelle, der Müllabfuhr. Allein 300 Leute sind in diesen Versorgungsbetrieben tätig, 100 Mann tun als Werkschutz Dienst, und dann sind natürlich die vielen Bürokräfte nicht zu vergessen. Heute gibt es auch hier draußen am Rande des Urwalds eine IBM-1440-Rechenmaschine. "Sie ist ganz unentbehrlich für uns", sagt der Rechnungsführer "allein für die Materialabrechnungen (jetzt 50 000 Vorgänge in zwei Stunden) brauchten wir früher 40 Bürokräfte."

Auf jener Wanderung gerieten wir auch zu den Anfängen einer Gewerbeschule, die augenblicklich den Nachwuchs für den eigenen Betrieb heranbildet. Später soll sie als Institution der Bonner Technischen Hilfe auf eine Kapazität von 120 Schülern vergrößert werden. Es ist vorgesehen, daß die Bundesrepublik dann sieben Lehrer herausschickt. Einstweilen gibt es aber nur eine betriebseigene Lehrkraft, einen jungen Hamburger namens Muhle, der fünfzehn Liberianer unter sich hat, die dort feilen, schweißen und drehen lernen.

Er hat sie überall im Lande zusammengesucht, und zwar aus den obersten Klassen der Schulen – aus 250 Schülern wurden fünfzehn Jungen mit Hilfe von Testprüfungen ausgewählt. Die fünfzehn Jungen, die übrigens sieben verschiedenen Stämmen angehören und daher sieben verschiedene Sprachen sprechen, werden nun zwei Jahre zusammen im Lehrlingsheim leben. Sie sind erst seit ein paar Monaten da, aber Muhle berichtet stolz, daß sie schon auf ein Zehntel Millimeter präzis feilen können.

Glanz und Elend des Fortschritts

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Wenn man am Abend noch einmal herausfährt auf den Erzberg und unter sich das hellerleuchtete Industriegelände sieht und die zahllosen Lichter der Bong-Siedlung, die sich in die endlos erscheinenden Nächte der afrikanischen Wälder hineingefressen haben, dann begreift man erst so richtig, was hier geleistet worden ist. Aber man begreift voller Schrecken auch noch etwas anderes, nämlich die geradezu magnetische Anziehungskraft, die die moderne Zivilisation und ihr vermeintlicher Glanz auf diejenigen ausübt, die bislang im "Dunkel" lebten. Angelockt durch den Reichtum, den das Licht verheißt, verlassen sie ihre primitiven Hütten im Hinterland, tauschen aber gewöhnlich nur Armut gegen Elend ein, denn fern von der Geborgenheit in Familie, Stamm und Sippe wird Armut automatisch zu Elend.

Weit deutlicher noch als bei der Bong, wo die etwa 8500 Leute, die sich um die Konzession herum angesiedelt haben, ja große Verdienstmöglichkeiten genießen – überall haben sie Läden und Bars aufgemacht, vermieten sie zu Wucherpreisen Zimmer an Arbeiter, die noch keine Werkwohnung innerhalb der Bong haben – weit deutlicher wird das Negative dieser ganzen Entwicklung in Monrovia.

Vor fünf Jahren hatte Monrovia zirka 50 000 Einwohner. Heute sind es 80 000 bis 100 000, von denen aber 20 000 arbeitslos sind. Meist wohnen diese Neuhinzugezogenen – wie überall in Afrika – in Slums oder Bidonvilles, ohne Licht, ohne Wasser, ohne Kanalisation. Es wird nicht lange dauern, dann lebt ein Drittel aller Einwohner Schwarz- und Weiß-Afrikas in den drei oder vier Großstädten des jeweiligen Landes.

Die große Aufgabe, die Entwicklungsländer aus einer statischen in eine dynamische Gesellschaft umzuwandeln, ist noch nirgends gelöst worden. Einstweilen jedenfalls ist keine dynamische, sondern nur eine mobile Gesellschaft entstanden.