"Ja, Sie haben recht, es gibt offenbar gewisse Gesetzmäßigkeiten. Bei den Weißen beispielsweise wächst die Nervosität und damit die Neigung zu kündigen, jeweils am Ende der Regenzeit (Anfang Oktober) und desgleichen am Ende der Trockenzeit (Ende April). Bei den Schwarzen wiederum haben wir festgestellt, daß während der Regenzeit alles im Betrieb bleibt, aber zu Beginn der Reisernte die Fluktuation groß wird."

Das mit den Weißen und der Regenzeit konnte ich im übrigen gut verstehen. Während meiner ersten 48 Stunden in Liberia stürzte etwa ein Fünftel der Wassermenge auf uns hernieder, die in Hamburg, wo man doch "mit dem Regenschirm in der Hand geboren" wird, in zwölf Monaten vom Himmel träufelt. Nach einer Woche derartiger Sturzfluten bei großer Hitze hatte ich das Gefühl, ich selbst würde längst vor der ersten Halbzeit kündigungsreif sein.

Es ist nicht leicht, sich eine Vorstellung von dem sozialen Standard der liberianischen Arbeiter zu machen, die sich bei einem solchen Unternehmen einfinden. Kommt die Mehrzahl direkt aus dem Urwald oder lebten viele von ihnen schon zuvor im Bereich der Zivilisation? Die Soziologen teilen die Bevölkerung der afrikanischen Staaten gern in zwei Kategorien ein, in diejenigen, die "innerhalb der Geldwirtschaft" leben, und diejenigen, die fernab der Zivilisation ihr Leben im "Hinterland" auf sozusagen vegetative Weise verbringen.

Man nimmt an, daß in Liberia von den rund 450 000 Beschäftigten nur etwa 85 000 innerhalb der "Geldwirtschaft", also im Bereich der Zivilisation tätig sind. Während im Hinterland das Einkommen pro Jahr nud Kopf ungefähr 200 DM entspricht, ist es im Bereich der Geldwirtschaft wahrscheinlich drei- bis viermal so hoch.

Und noch eine andere aufschlußreiche Statistik: Nur etwa acht Prozent der Bevölkerung sind Christen und ein Prozent Mohammedaner – alle übrigen, also 90 Prozent, huldigen irgendwelchen traditionellen Vorstellungen. Von den Arbeitern der Bong sind dagegen 56 Prozent Christen, elf Prozent Mohammedaner; 34 Prozent der Arbeiter haben ferner eine Schule besucht; 66 Prozent geben an, keine Schulbildung genossen zu haben. Man muß also annehmen, daß nur eine Minderheit dieser Belegschaft wirklich aus dem Urwald kommt.

Viele Stunden wanderte ich an mehreren Tagen mit Bergwerksdirektor Zepter über das weitläufige Gelände. Ich sah den größten "Vorbrecher" der Welt, der 440 Tonnen wiegt und der die Erzklumpen zertrümmert und zerbröckelt, die von riesigen amerikanischen 45-Tonnen-Euclid-Lastern (auch sie größer als alles, was wir in der Bundesrepublik kennen) herangeschafft werden. Wir besuchten das Krankenhaus, das, mit allen modernen Apparaten ausgestattet, über 24 Betten verfügt. Täglich finden sich dort schwarze und weiße Patienten ein, die von den beiden deutschen Doktoren und ihrem Hilfepersonal "verarztet" werden.

Geplant ist, daß dieses Krankenhaus in Zukunft eng mit dem Tropeninstitut in Hamburg zusammenarbeiten wird. Das weltberühmte Hamburger Institut hat nämlich keine Zweigstelle in den Tropen. Wenn der Plan zustande kommt, wird dem Krankenhaus der Bong ein Laboratorium angegliedert werden, in dem mehrere Ärzte des Tropeninstituts dann Hand in Hand mit den Doktoren der deutsch-liberianischen Bergwerksgesellschaft arbeiten werden.