Wir besuchten auch Günter Köhler, den Leiter des Schulwesens der Bong, dem die neunklassige deutsche Volksschule, ein Fröbel-Kindergarten und eine sechsklassige liberianische Elementarschule unterstehen, sowie eine Abendschule für Erwachsene. Insgesamt wirkt ein Dutzend Lehrkräfte dort. Günter Köhler, einst der jüngste Rektor Nordrhein-Westfalens, ist seit zweieinhalb Jahren in Liberia. Der Kultusminister von Nordrhein-Westfalen hat ihn für diesen Zweck beurlaubt und damit ein Opfer gebracht, das sich vielfach verzinst. Köhler ist heute das einzige weiße Mitglied der Zentralen Prüfungskommission Liberias und im ganzen Lande sehr angesehen.

Aus den Statistiken ergab sich, daß, einschließlich Frauen und Kindern, annähernd 10 000 Liberianer auf der Bong Mine leben – übrigens etwa die Hälfte von ihnen in eigenen Werkwohnungen. Ungezählte große und kleine Kinder mit blanken Augen hatte ich ja auch in den verschiedenen Klassen rechnen, zeichnen und turnen sehen, viele Frauen hatte ich beim Waschen, Schwätzen und Kochen in ihren Häusern beobachtet. Aber wo waren eigentlich die dazugehörigen Männer?

Eines Tages fragte ich Herrn Zepter: "Wofür brauchen Sie eigentlich so viele Arbeiter? Wir sind doch jetzt dem ganzen Produktionsgang gefolgt, vom Erzberg über den Vorbrecher zu der riesigen Konzentrationsanlage, und ich habe auch unten in Monrovia zugesehen, wie die Waggons mit Konzentrat ankommen, und der "schwarze Grus’ schließlich verladen wird: überall Förderbänder, Schaufelradbagger, Kipploren; eigentlich habe ich außer dem Sprengkommando und den Baggerführern und Euclidfahrern kaum irgendwo Leute gesehen?"

Zepter lachte und sagte: "Ich habe einmal ausgerechnet, daß für den ganzen Arbeitsvorgang vom Sprengkommando bis zur Schiffsverladung 157 Leute ausreichen würden. Aber jetzt will ich Ihnen zeigen, wo die andern stecken und warum sie unentbehrlich sind." Und dann gingen wir zu einer riesigen Werkhalle, wo der Fuhrpark repariert wird, zur Materialausgabe, wo etwa 40 000 verschiedene Teile registriert sind, zur Wäscherei, Bäckerei, der Küche, dem Kasino, dem Kaufladen, der Poststelle, der Müllabfuhr. Allein 300 Leute sind in diesen Versorgungsbetrieben tätig, 100 Mann tun als Werkschutz Dienst, und dann sind natürlich die vielen Bürokräfte nicht zu vergessen. Heute gibt es auch hier draußen am Rande des Urwalds eine IBM-1440-Rechenmaschine. "Sie ist ganz unentbehrlich für uns", sagt der Rechnungsführer "allein für die Materialabrechnungen (jetzt 50 000 Vorgänge in zwei Stunden) brauchten wir früher 40 Bürokräfte."

Auf jener Wanderung gerieten wir auch zu den Anfängen einer Gewerbeschule, die augenblicklich den Nachwuchs für den eigenen Betrieb heranbildet. Später soll sie als Institution der Bonner Technischen Hilfe auf eine Kapazität von 120 Schülern vergrößert werden. Es ist vorgesehen, daß die Bundesrepublik dann sieben Lehrer herausschickt. Einstweilen gibt es aber nur eine betriebseigene Lehrkraft, einen jungen Hamburger namens Muhle, der fünfzehn Liberianer unter sich hat, die dort feilen, schweißen und drehen lernen.

Er hat sie überall im Lande zusammengesucht, und zwar aus den obersten Klassen der Schulen – aus 250 Schülern wurden fünfzehn Jungen mit Hilfe von Testprüfungen ausgewählt. Die fünfzehn Jungen, die übrigens sieben verschiedenen Stämmen angehören und daher sieben verschiedene Sprachen sprechen, werden nun zwei Jahre zusammen im Lehrlingsheim leben. Sie sind erst seit ein paar Monaten da, aber Muhle berichtet stolz, daß sie schon auf ein Zehntel Millimeter präzis feilen können.

Glanz und Elend des Fortschritts