Von Ernst Stein

Die Entwicklung der französischen Literatur in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts – ein ununterbrochener Prozeß der Veredlung und Verfeinerung des dichterischen Erlebens, kaum übersehbar in der Vielfalt der Töne, Figuren, Bewegungen – diese Entfaltung hat in der zeitgenössischen Weltliteratur nicht ihresgleichen. Und dieser Aufstieg in die Dekadenz ließe sich, nur wenig überspitzt, von einem einzigen Namen herleiten, beinahe von einem einzigen Buch: dem Roman "Mademoiselle de Maupin" von Théophile Gautier.

Es läßt sich nun einmal – eine Binsenwahrheit – weder in der Kunst noch in der Geschichte entscheiden, ob ein einzelner, eine Tat, ein Werk die Entwicklung ausgelöst hat oder ob sich vielmehr die Zeit den Mann und das Ereignis schuf, deren sie bedurfte, weil sie reif war. Meist war sie noch gar nicht reif, die Zeit. Immerhin läßt sich eher noch beim Kunstwerk bestimmen, welche Motive es übernahm und welche es dem Kommenden vorformte. Wenn die vorweggenommenen Motive so zahlreich sind wie in Gautiers Jugendroman, darf man wohl von einem Ausgangspunkt sprechen.

Ein Jugendroman, mit dreiundzwanzig geschrieben, drei Jahre nach Goethes Tod erschienen: jugendlich in der Gärung, im erzählerischen Ungeschick, im Pathos und im Überschwang der Deklamation; jugendlich auch in der unbedachten Ekstase wie in einem Lebensekel, der unmöglich schon aus der Erfahrung stammen konnte. Aber völlig neu, völlig reif und meisterlich in der Kunst, Stimmungen und Neigungen, Gefühlsschwankungen und abgründige Seelenzustände vorbildlich zu prägen.

"Mademoiselle de Maupin" ist eine Verkleidungskomödie – das Mädchen als Mann –, wie sie zu allen Zeiten beliebt war, bei der Romantik, die damals in Frankreich ihren hitzigsten Strauß austrug, wie bei Shakespeare. (Eine Liebhaberaufführung von "Wie es euch gefällt" bildet eines der glänzendsten Kapitel des Romans.) Aber der abgegriffene Stoff wird hier über die Grenzen der Situationskomik in ein psychologisches Neuland verpflanzt, das in tragischem Zwielicht liegt.

Und im zweideutigen Schimmer höchster Verfänglichkeit. Der blasierte junge Herr, dessen Brieftagebuch den halben Roman einnimmt, hat in seiner ersten großen Liebe kein wahres Genügen gefunden; er erlebt den Dammbruch der Gefühle erst, als er dem bezaubernden Zwitterwesen begegnet, dem Kavaliersfräulein, das zum Überfluß von einem geliebten Reitpagen begleitet wird, der gleichfalls ein verkleidetes Mädchen ist, ein halbes Kind. Zu seiner Bestürzung fühlt er sich unwiderstehlich zu dem vermeintlichen Edelmann hingezogen, in den sich prompt auch seine Geliebte vernarrt, nicht ohne Erfolg.

Sie hat wirklich gelebt, die Heldin in mehr als einem Sinne, diese Madeleine d’Aubigny, die bald als Mann, bald als Frau gekleidet ging. Sie war mit einem Herrn von Maupin vermählt, der an ihr keine ungemischte Freude erlebt haben dürfte. Einige Jahre lang sang sie Altpartien an der Pariser Oper, aber noch berühmter wurde ihre Fechtkunst; sie duellierte sich dauernd und brachte an einem Abend drei Gegner zur Strecke. Sie hatte zahlreiche Liebschaften, nicht immer mit Männern, und entführte eine schwärmerische Freundin aus dem Kloster, das sie vorher in Brand steckte. Zum Tode verurteilt, floh sie nach Brüssel, wo sie die Geliebte eines Grafen wurde, und starb, bald nach 1700, mit siebenunddreißig Jahren, aber noch über ein Jahrhundert später war sie in aller Leute Mund.