Frankreich beweist ein bemerkenswertes Talent, sich mit allen internationalen Organisationen anzulegen. Es blockiert nicht nur die EWG, es stellte nicht nur seine Mitarbeit in der NATO weitgehend ein und blieb der Genfer Abrüstungskonferenz fern, jetzt ist es auch zu Meinungsverschiedenheiten mit der Europäischen Wirtschaftsorganisation (OECD) gekommen.

Die OECD-Experten im Château de la Muette sind in einer eingehenden Untersuchung über die wirtschaftliche Lage Frankreichs zu dem Ergebnis gekommen, es sei genug der Stabilisierung. Fast alle Ziele, die der Stabilisierungsplan der Pariser Regierung vom Herbst 1963 anstrebte, seien erreicht. Der Preisanstieg hat sich fühlbar verlangsamt, die Arbeitsmarktlage ist nicht nur entspannt, es gibt sogar schon wieder 300 000 Arbeitslose. Dementsprechend ist auch die Zunahme der Löhne und Gehälter auf ein vertretbares Maß zurückgegangen.

Als unerwünschte Nebenwirkung – so meinen die Experten – ist das Wachstum der Wirtschaft schon vor einem Jahr zum Stillstand gekommen, auch der private Verbrauch zeigt keine Zunahme mehr.

Selbst der "kleine Mann auf der Straße" beobachtet die Entwicklung mit Mißtrauen. Er hatte sich von der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Regierung mehr versprochen.

Auch die Unternehmer, denen die Restriktionen des Finanzministers Giscard d’Estaing schon lange ein Dorn im Auge sind, halten mit ihrer Kritik nicht hinter dem Berg.

Aber Giscard d’Estaing will von den Vorschlägen der OECD nichts wissen. Er hält nichts von Steuersenkungen und einer Konjunkturbelebung durch eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben.

Der Finanzminister, der sich zur Enttäuschung vieler in den letzten Monaten als starrer Theoretiker erwiesen hat, verspricht sich mehr von einer Strukturreform der französischen Wirtschaft, obwohl diese Reform nur sehr viel langsamer wirken kann, als eine aktuelle Konjunkturbelebung.