Hans-Joachim Schoeps: Unbewältigte Geschichte. Stationen deutschen Schicksals seit 1763; Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin; 283 Seiten, 17,80 DM.

Deutschland liegt heute zertrümmert am Boden. Das Reich hat zu bestehen aufgehört, weil es seinen Auftrag in einer einzigen Überhebung und Pervertierung entstellt und verfehlt hat. Infolgedessen ist die deutsche Geschichte der nächsten hundert Jahre für viele Menschen zu einem Alpdruck geworden, der auf ihnen lastet. Die Deutschen heute haben keine Idee ihres Daseins mehr, weil ihr Geschichtsbewußtsein gestört, ja, geschwunden zu sein scheint. Die ständige Aufgabe der Deutschen aber ist das Reich‚ oder, wie man heute zeitgemäß es nennen würde. "Europa als übernationale Ordnung." Um diese Auffassung vom "Auftrag" Deutschlands, vom "Reich", von der "Idee" des Daseins kreist im Grunde das Buch von Schoeps, diese Art von Kausalitätsvorstellung charakterisiert den wesentlichen Teil seines Inhalts. Es bildet für die Zeit seit 1763, also seit dem Abschluß des Siebenjährigen Krieges bis zu unserer Gegenwart, mehr eine höchst persönliche Interpretation der Geschichte und ein Bekenntnis zu dieser Auffassung, die dem Zufall gar nichts überläßt und dem "Auftrag" (oder dessen Verüberläßt alles zuschreibt, als eine Darstellung der Geschichte im Sinne der Wissenschaft.

"Sicher weiß ich, daß man manches auch anders ansehen und bewerten kann, aber ich habe für meine Sicht und Wertung immer gute Gründe", schreibt Schoeps selbst im Vorwort. Vielleicht sind diese Gründe nicht immer ganz so gut, wie er und mit ihm mancher Leser meinen mag, der das Buch als Wiedergabe der Geschichtsauffassung eines gelehrten Historikers ansieht. Sobald man in die Einzelheiten geht und etwa liest, die Heilige Allianz von 1815, das Bündnis christlicher Monarchen, habe den Versuch gebildet, "zu einem wahrhaften Völkerbund zu kommen", oder wenn Schoeps schreibt, die kleindeutsche Lösung sollte den deutschen Großraum unwiderruflich auseinanderreißen und das "entdeutschte" Österreich "zu einer slawisch-magyarischen Südostmacht werden lassen", dann wird deutlich, daß auch hier das Bild dieses historischen Interpreten mit den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung nicht mehr zur Deckung gebracht werden kann – so wenig, wie bei der einfachen, aber ganz vordergründigen und von einer differenzierenden Forschung längst überholten Meinung, "die Reichsgründung von 1871 ist durch den preußisch-österreichischen Krieg von 1866 eingeleitet worden".

Doch liegt das Schwergewicht des Buches bei der Zeit Wilhelms II., bei Preußen und dem Reich in diesen Jahrzehnten. Leser, die Wilhelms II. Reden und Verlautbarungen anläßlich seiner silbernen Hochzeit im Sommer 1913 kennen, werden kaum mit Schoeps meinen, dieser Festakt sei "unstreitig der Höhepunkt des Deutschen Kaiserreiches" gewesen; sie werden die Äußerungen bedeutender Gelehrter anläßlich dieses Ereignisses kaum als Quelle für ein gründliches historisches Urteil akzeptieren, sondern den neubarocken Pomp dieser Laudationen höchstens als nachdenklich stimmenden Beweis für das uns heute kaum verständliche Ausmaß der byzantinischen Rhetorik in jener Zeit registrieren.

Aber man mag immerhin über die Auffassung und manches andere Urteil in dem Buch noch diskutieren können – wichtig ist, daß Schoeps zu häufig von den historischen Aufträgen und "ständigen Aufgaben der Deutschen", schreibt, etwa: Der kunstvolle Bau des habsburgischen Vielvölkerstaates sei, "wie wir heute wissen, eine europäische Notwendigkeit gewesen", wenn er die "Reichsaufgabe" (Brücke zwischen West und Ost zu sein) und Frankreichs "Verrat am Abendland" zitiert, wenn er schließlich gar meint, "heute ruht das Reich – ähnlich wie nach 1806. Aber der Reichsauftrag ruht nicht. Nur von ihm her kann sich deutsche Politik wirklich legitimieren, nur aus dem Willen zur Reformation der Reichsidee vermag sie ihren inneren Auftrag abzuleiten, auch wenn die Bundesrepublik Deutschland‘ das erste deutsche Staatsgebilde ist, das die Reichstradition schon im Namen abgestreift und verleugnet hat".

Ein Historiker sollte doch wohl nicht schreiben: "Ein Deutschland ohne Preußen ist nicht sehr interessant – weder politisch, noch geistigkulturell" und damit sowohl vor einer Zukunft ohne Preußen kapitulieren als auch einfach die ganze vorpreußische deutsche Geschichte mit den drei Worten "nicht sehr interessant" seinen Lesern gegenüber abtun. Wilhelm Treue