Berlin

Bis in die späten Abendstunden des 3. August suchten der Westberliner Rechtsanwalt Horst Mahler und Beauftragte des Allgemeinen Studenausschusses der Freien Universität ihren Schützling, den peruanischen Mathematikstudenten Salomon Espinoza Quiros. Sie suchten vergeblich. Quiros befand sich bereits im Ostberliner Auffanglager für ausländische Flüchtlinge. Ein paar Tage später schrieb er seinem Anwalt, er hoffe, den richtigen Weg gegangen zu sein.

Quiros, Sohn eines peruanischen Tagelöhners, war nach einem Mathematikstudium in Südamerika im Frühjahr 1961 in die Bundesrepublik gekommen. Er verdiente sich sein Geld als Gastarbeiter in den Hannoveraner Hanomag-Werken. Zum Jahresende ging er auf Anraten von Freunden nach Dresden und lernte dort in Abendkursen deutsch. Ein Studienplatz an der Technischen Hochschule war ihm sicher. Als ihm jedoch das peruanische Konsulat in Westberlin die Immatrikulation an der FU versprach, verließ Quiros die DDR und begann im Wintersemester 1963/64 sein Studium in Dahlem. Aber schon nach einem Monat erteilte ihm die Fremdenpolizei ein Aufenthaltsverbot. Sein Widerspruch wurde abgelehnt. Polizei und Verwaltungsgericht stützten sich dabei auf ein Ermittlungsverfahren der Lüneburger Staatsanwaltschaft, das 1961 gegen Quiros wegen angeblicher kommunistischer Äußerungen unter seinen Gastarbeiterkollegen in Hannover eingeleitet, dann aber wieder eingestellt worden war. Der Verdacht hatte sich nicht bestätigt.

Für den Westberliner Verwaltungsgerichtsdirektor Dr. Augustin genügte indessen auch der abgewiesene Verdacht: Ein Ausländer mißachte das Gastrecht, wenn er durch sein Verhalten in den Verdacht kommunistischer Propagandatätigkeit gerate. Dies gelte deshalb, weil die westdeutsche Öffentlichkeit auf kommunistische Propaganda empfindlich reagiere.

Im Januar 1965 trat das Aufenthaltsverbot endgültig in Kraft. Um nicht nach Peru abgeschoben zu werden, hielt sich Quiros weiter illegal in Westberlin auf und bemühte sich um einen Studienplatz in Prag. Am 8. Mai aber wurde er verhaftet, am 14. Juli zu sechs Wochen Haft verurteilt und sofort entlassen, um am selben Tag im Moabiter Untersuchungsgefängnis wieder festgesetzt zu werden. Jetzt nahmen sich einige politische Hochschulgruppen und der AStA des peruanischen Kommilitonen an. In einem offenen Brief an Bürgermeister Albertz forderten sie die Freilassung des Südamerikaners. Albertz ließt die Akten prüfen. Am 31. Juli wurde Quiros mit der Auflage, Westberlin innerhalb von vier Tagen den Rücken zu kehren, aus der Haft entlassen. Doch Quiros wollte weiter an der FU studieren. Der Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät und der Leiter des Akademischen Auslandsamtes erklärten, die Universität habe nichts dagegen. Inzwischen hatten sich die Kubaner bereitgefunden, ihn aufzunehmen.

Der AStA und Rechtsanwalt Mahler bemühten sich um eine Verlängerung der Frist, die am 4. August ablief. Am 3. August gegen 13 Uhr teilte der Senatsbeamte Dr. Müller-Zimmermann dem Anwalt mit, sein Mandant müsse Westberlin auf jeden Fall am nächsten Tag verlassen. Dies sei eine politische Grundsatzentscheidung des Bürgermeisters. Gegen 14 Uhr passierte der Peruaner den Checkpoint Charly, um sich bei der kubanischen Botschaft in Ostberlin den Visavermerk für die Ausreise zu besorgen. Zwei Stunden später erfuhr sein Rechtsanwalt von einem Journalisten, Albertz hätte Quiros nun doch erlaubt, in Westberlin zu bleiben. Doch diese Nachricht kam. zu spät: Espinoza Quiros war bereits von der kubanischen Botschaft an die DDR-Behörden weitergeleitet worden.

Inzwischen sammelt der AStA Informationen über ähnliche Fälle ausländischer Studenten in Westberlin. Aber die Betroffenen schweigen aus Furcht, in ihre Heimatländer abgeschoben zu werden. Eine Furcht, die die Ausweisungspraxis im Falle des Peruaners Quiros bestätigt.

Ernst Elitz