R. B., Berlin, im August

Zwischen Elbe und Oder ist die "Schlacht an die Erntefront" im vollen Gange. Tausende freiwillige Helfer sind bei Wind und Wetter im Einsatz auf den Feldern.

So schlecht wie um die Ernte ist es auch um die Devisen zum Ankauf ausländischen Getreides bestellt. Jede Tonne, die wegen dieses Katastrophensommers nicht geerntet werden kann, kostet mehr als nur den normalen Verlust. Sie kann nicht einfach mit Geld, sie muß mit Exportlieferungen bezahlt werden. "Jede Tonne Getreide, die uns fehlt", so schreibt K. H. Arnold in der kommunistischen Berliner Zeitung, "kostet ein Stück Werkzeugmaschine oder eine Kiste Chemikalien".

Die Angebote, die der Leiter der Bonner Interzonen-Treuhandstelle gemacht hat, würden die Kaufkraft der DDR erhöhen. Sie muß sich nur bereit erklären, die schon fertig formulierten Verträge nach bewährter Weise für die "Währungsgebiete" und nicht von Staats wegen zu unterschreiben. In Ostberlin heißt es dazu: "Die in Bonn warten nur darauf, daß unsere Ernte zusammenbricht".

Die Anstrengungen, mit der in Tag- und Nachtarbeit das Korn hereingeholt wird, werden von der Regierung belohnt. "Getreide-Kapitäne geben den Ton an", lautete eine Schlagzeile des Neuen Deutschland. Das Blatt kündigte Ostsee-Schiffsreisen für die 150 besten Kombi-Fahrer an, die alle 14 Tage ermittelt werden. Sie sollen gemeinsam mit ihren Ehefrauen Danzig und Leningrad besuchen. Außerdem bietet der Landwirtschaftsrat den besonders verdienten Landarbeitern Waschmaschinen, Geldprämien und Ehrenurkunden an.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß ungewöhnliche Wetterlagen in der zentralgesteuerten Landwirtschaft der DDR auch ungewöhnlich große Katastrophen auslösen. Der einzelne Bauer, der sich rechtzeitig bemüht zu improvisieren, hat ganz entschieden mehr Möglichkeiten, das Schlimmste zu verhüten.