Euthanasie im Zwielicht – Der Totschlag aus falschem Mitleid – Wieviel muß der Eid des Hippokrates gelten?

Die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft will im Herbst gegen führende Männer des nationalsozialistischen Programms zur Vernichtung "lebensunwerten Lebens" Anklage erheben. Ärzte, die heute als Gynäkologen und Internisten praktizieren, werden sich für den Mord von 80 000 bis 100 000 Geisteskranken und KZ-Häftlingen zu verantworten haben. In Erinnerung ist noch der letzte Prozeß dieser Art in München, bei dem sich vierzehn ehemalige Krankenschwestern und Pflegerinnen der Heilanstalt Obrawalde wegen Mordes oder Beihilfe zum Mord von 8000 "Euthanasie-Opfern" verantworten mußten. Die Angeklagten wurden wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. – Die Akten der bundesrepublikanischen Anklagebehörden zum Thema "Euthanasie" füllen Bände. Aber immer noch herrscht Unklarheit über diesen unheilvollen, doppeldeutigen Begriff, obwohl das kürzlich erschienene Buch "Euthanasie und Vernichtung lebensunwerten Lebens" (Enke-Verlag, Stuttgart) des Psychiaters Helmut Ehrhardt, Professor in Marburg, einen wichtigen Beitrag zur Klärung geleistet hat. (Ehrhardt hält an der Unterscheidung zwischen Euthanasie als einer Sterbehilfe und der Vernichtung von "lebensunwerten" Lebens fest.)

Die Euthanasie als "Sterbehilfe" bedarf keiner neuen Diskussion. Den Leidenden in der Krankheit zum Tode Qualen zu ersparen – ohne sein Leben zu verkürzen – das wird für alle Zeiten eine schwere, aber wahrhaft ärztliche Aufgabe sein.

Die Vernichtung "lebensunwerten Lebens" aber, die man verlogenerweise als Euthanasie ausgegeben hat, ist Mord, und selbst, wenn sie auf Verlangen des Leidenden geschieht, noch Totschlag, der – auch bei Anerkennung mildernder Umstände – mit Gefängnis nicht unter 6 Monaten bestraft wird (§ 216 Strafgesetzbuch).

In der bekannten Schrift zweier angesehener deutscher Professoren aus dem Jahre 1920, des berühmten Strafrechtslehrers Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoche, wurden die Unheilbaren zu "leeren Menschenhülsen" und zu "Ballastexistenzen" erklärt, die der Staat ebenso abstoßen müsse wie ein biologischer Organismus brandig gewordene Glieder. Vor allem in Notzeiten müsse der Nutzeffekt eines Menschen kalkuliert werden. So warf sich Wissenschaft zum Richter über die personale Wertigkeit des Menschen auf. Daß das jammervolle Leben immer noch den Sinn haben könne, die Liebesfähigkeit der Mitmenschen wachzurufen und zu prüfen – dieser Gedanke, der sich in der Katastrophe der Contergan-Dysmelien wieder überzeugend bestätigt hat, wurde im aufkeimenden Biologismus und Utilitarismus als Frömmelei abgetan.

Seit diesem verhängnisvollen Entwurf, den die Henker des Dritten Reiches als Steigbügel benützen sollten, sind die religiösen, ethischen, menschlichen und rechtlichen Fragen eines Totschlags im Namen der Zwecke und der Eugenik oft erörtert worden. In den meisten Diskussionen wurde aber die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" als ein isoliertes Thema behandelt, ohne Blick für den "Zeitgeist" und die politische Situation, ohne Analyse der psychologischen Hintergründe einer militanten Eugenik und deswegen auch ohne Blick für den Stil der Diskutanten. Endlich wurde die nüchterne Praxis der Krankentötung kaum je zu Ende gedacht.

Diese drei Problemkreise sollen – wenigstens skizzenhaft – erörtert werden: