Das sind Nazi-Methoden und Kommunisten-Methoden". Franz Josef Strauß umklammerte das Revers seines Anzuges mit beiden Fäusten. Der zornrote Kopf stieß nach vorn gegen den unsichtbaren Feind im dunkeln: Das Mikrophon war ausgefallen. "Herr Landesvorsitzender, das Kabel ist durchgeschnitten", raunte ihm seine Begleitung zu. "Solchen politischen Gangstern muß man das Handwerk legen", rief der CSU-Vorsitzende. "Sie sollen sich in Grund und Baden schämen und ‚pfui‘ rufen über ihren schlechten Charakter..." Trillerpfeifen, Buhrufe, Applaus.

Franz Josef Strauß ante portas – vor den Toren der Hansestadt Hamburg. Am vergangenen Montag begann er mit der Einkreisung des Stadtstaates, über dessen Grenzen er nach dem Willen der Hamburger CDU den Fuß bis zum Wahltag nicht setzen darf. Nachmittags stellte er sich Hausfrauen, Rentnern und Schulkindern im schleswig-holsteinischen Pinneberg. Am Abend wagte er sich in den Hamburger Elbvorort Wedel, unmittelbar vor die hanseatischen Grenzpfähle.

In Hamburg freilich wußten nur wenige etwas von dem Besucher aus Bayern. Die örtliche CDU konnte nicht einmal über Ort und Zeitpunkt der Veranstaltung Auskunft geben. Die Lokalpresse verschwieg das Ereignis schamhaft. Und ebensowenig wie der CSU-Politiker selber erschienen Plakate, die für ihn warben, auf hanseatischem Territorium.

Über Wedel hing der Vollmond, als Franz Jcsef Strauß unter den Klängen des River-Kwai-Marsches in das Strandbad am Elbufer einzog. Ein pseudobayerisches Gaudi nahm seinen Anfang. Zaghafter Beifall wurde übertönt von Pfuirufen, Jahrmarktsgetute und Trillerpfeifen. Ein CDU-Kreisvorsitzender stellte sich tapfer dem fröhlichen Proteststurm. "Franz Josef Strauß wird auch Ihnen noch den Schneid abkaufen". Hahngelächter antwortete ihm. Strauß trocknete das Gesicht, ehe er sich am Rednerpult einem neuen Pfeifkonzert stellte.

Er versuchte sein Glück mit Kalauern, aber zu wenig Lacher waren auf seiner Seite. Der CSU-Vorsitzende wurde lauter. Zwischenrufe unterbrachen ihn. Er fing sie geschickt auf, ging zum Gegenangriff über: "Diese Stichworte wirken auf mich wie Kavalleriemusik auf einen alten Zirkusgaul". Dann wieder reagierte er wütend: "Sie müssen erst einmal ihren Denkapparat untersuchen lassen ..." Und: "Herr Ulbricht würde seine helle Freude haben ..." Der Schluß des Satzes ging in minutenlangem Protestlärm unter.

Auf dem Strom zogen Positionslaternen vorüber. Eine Mitdreißigerin löste sich von der Seite ihres männlichen Begleiters. Meter um Meter schob sie sich mit ihrem Gartenstuhl vorwärts: durch die Reihe der Ordner, an den Reportern vorbei, unter Filmkameras hindurch – bis sie schließlich vor dem Rednerpult saß. Mit leuchtenden Augen zum Sprecher emporblickend, applaudierte sie ihm. Ein Ordner rangelte mit einem "Spiegel"-Verkäufer. Polizeisirenen gingen im Chor der Lärminstrumente unter.

Als der Lärm sich legte und zartes Zirpen der Grillen vernehmbar wurde, schien Franz Josef Strauß wie verwandelt. Fast entschuldigte er sich für den letzten Satz. Er nahm den Kopf vom Mikrophon zurück, die Stimme wurde sanft. Selbstverständlich habe er mit dem Hinweis auf Ulbricht nicht die Sozialdemokraten gemeint und natürlich auch die Zwischenrufer nicht.