Von Marcel Reich-Ranicki

Nein, nicht um Einzelheiten geht es. Schließlich könnte man in einer Neuauflage die Fehler korrigieren und die schlimmsten Lücken und Inkonsequenzen beseitigen. Trotzdem, befürchte ich, ist das

"Handbuch der deutschen Gegenwartsliteratur", unter Mitwirkung von Hans Hennecke herausgegeben von Hermann Kunisch; Nymphenburger Verlagshandlung, München; 782 S., 86,– DM

leider nicht mehr zu retten. Denn das, woran dieses in langjähriger Arbeit entstandene Nachschlagewerk vor allem krankt, läßt sich zwar mildern oder vertuschen, doch nicht mehr ändern: Ich meine seine Mentalität.

Eine solche Feststellung erweckt im heutigen Deutschland meist ideologische und politische Assoziationen: Der Leser vermutet sogleich, der Kritiker habe in dem rezensierten Buch erzreaktionäre und nationalistische Elemente entdeckt oder halte es für ein Produkt des kalten Krieges. Glücklicherweise kann davon keine Rede sein. Dieses Lexikon ist nicht reaktionär, sondern zum großen Teil einfach unseriös. Nicht vom Nationalismus zeugt es, wohl aber vom Dilettantismus. Wir haben es mit einem Produkt nicht etwa des kalten Krieges zu tun, sondern des Provinzialismus.

Worauf ist dies zurückzuführen? Ich glaube, weder ungerecht zu sein noch zu übertreiben, wenn ich mir ein Herz fasse und offen sage, was endlich gesagt werden muß – daß der Herausgeber dieses Bandes, Hermann Kunisch, Ordinarius für neuere deutsche Literatur an der Universität München, der Aufgabe nicht gewachsen war.

Die dem Handbuch zugrunde liegenden programmatischen Entscheidungen, die Kunisch im Vorwort erläutert, verdienen uneingeschränkte Anerkennung. Was hilft es jedoch, wenn sie nur teilweise oder sehr ungeschickt oder überhaupt nicht verwirklicht wurden? Wann beginnt die deutsche Gegenwartsliteratur? Es werden Autoren berücksichtigt, "deren Werk um 1910 noch nicht abgeschlossen war oder deren Wirkung über 1910 hinausreicht". Das ist wohl gut gemeint, aber schlecht ausgedrückt, da Kunisch weder Kleist noch Büchner aufzunehmen gedachte, obwohl doch ihre Wirkung nachweisbar über den festgesetzten Zeitpunkt hinausreicht. Gleichviel: das Jahr 1910 als Zäsur überzeugt mich. Nur frage ich mich, welche Kriterien die Auswahl der Schriftsteller bestimmt haben, die im rund 600 Seiten umfassenden Hauptteil des Lexikons mit Einzelartikeln bedacht wurden.