Cambridge/Mass., im August

Sein Werk, so schrieb der Literaturkritiker Leslie A. Fiedler einmal über Hemingway, und das nicht ohne Vorwurf, hat eigentlich nur ein einziges Thema: den Flirt mit dem Tod.

Vier Jahre sind es in diesem Sommer her, daß aus diesem Flirt Ernst wurde: Hemingways Leben endete frei nach Hemingway, dem Schriftsteller, mit einer Kugel aus dem eigenen Gewehr. Zufall oder Absicht – wer, der den Meister der Beinahe-Wertlosigkeit schätzt, würde diese Pointe mit Worten kommentieren wollen?

Der Tod ist auch das Hauptthema der beiden Gedichte, die jetzt in der August-Ausgabe der amerikanischen Monatsschrift The Atlantic zum erstenmal veröffentlicht wurden. Sie sind im Mai und September 1944 geschrieben und gerichtet an Mary Welsh, die wie Hemingway in Europa für amerikanische Magazine journalistisch tätig war und die 1946 seine Frau wurde.

To Mary in London, das erste der beiden Gedichte, ist eine seltsame Mischung aus Liebesgedicht und Rückerinnerung an die Jahre 1942/1943, als Hemingway mit seinem Boot "Pilar" in kubanischen Gewässern herumkreuzte, um deutsche U-Boote abzufangen. Stärker als die Erkenntnis, daß die Schlacht die eines anderen Mannes sein wird und wir nur die Bagage, erweist sich noch das Selbstbewußtsein: Ich, der ich nur das Wort anerkenne, versuche, mit einer Wendung und einem Satz etwas zu schaffen, das kein Bomber erreichen kann ...

Das zweite Gedicht, Second Poem to Mary, entstand, als Hemingway, der für seine Zeitung vom Kriegsschauplatz berichten sollte, die Kämpfe in der Eifel miterlebte. Die vier Monate vorher noch lässig anmutende Haltung, die leicht posierte Resignation, ist ihm jetzt nicht mehr möglich, die Flucht in den Traum und nach rückwärts kein Rezept mehr. Im imaginären Dialog, durchsetzt mit Zitaten aus dem Kommando- und Heeresberichtskauderwelsch, heißt es: Im nächsten Krieg werden wir die Toten in Plastikbeuteln begraben ... Jedermann wird mit einem kleinen, aber tadellosen Erzbischof Spellman versorgt werden, aufblasbar. Alle Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften werden mit einer Kopie ihrer Liebsten, die sie nie wiedersehen werden, ausgerüstet, und alle diese Kopien sind auf dem Dienstwege zurückzuerstatten ... Sterben tun wir alle heute / Hoch der Weihnachtsmann / Rufen alt und junge Leute / Hoch der Weihnachtsmann ...

Mary Hemingway, die sich nur zögernd zur Veröffentlichung dieser Gedichte entschloß, gab gleichzeitig bekannt, daß sich in Hemingways Nachlaß noch genügend Gedichte finden, um einen dieser schmalen Bände zu füllen, daß sie sich aber zu weiteren Veröffentlichungen vorerst wahrscheinlich nicht entschließen könne.

Petra Kipphoff