Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, von umwälzenden Neuerungen im sozialistischen Wirtschaftslager zu hören, von der Hinwendung zu "marktwirtschaftlichen" Prinzipien, von der Rehabilitierung des Profits, von der Entdeckung des Kapitalzinses, von der Propagierung des Wettbewerbsgedankens, kurzum, von wirtschaftlichen Liberalisierungstendenzen. Im Zusammenhang mit den aufsehenerregenden Reformvorschlägen der sowjetischen Professoren Liberman und Trapesnikow sind uns Spekulationen über eine bevorstehende oder gar bereits vollzogene Aufweichung des sozialistischen Wirtschaftssystems durch die Anwendung "kapitalistischer" Praktiken nachgerade bis zum Überdruß serviert worden. Viele dieser Spekulationen sind insoweit übers Ziel hinausgeschossen, als kein Zweifel daran bestehen konnte, daß die östlichen Machthaber unverrückbar an dem Fundament ihres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems festhalten wollen, nämlich der Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln.

Um so größer ist die Überraschung, die uns die Moskauer "Komsomolskaja Prawda" in diesen Tagen beschert hat: Das Blatt öffnete seine Spalten einem Diskussionsbeitrag, in dem umunwunden die unschätzbaren Vorteile der Herrschaft des Einzelnen über Grund und Boden gepriesen werden. Der Vorschlag, die Bauern zum Herrn ihrer Scholle zu machen, um dadurch einen größeren Produktionsanreiz zu schaffen, berührt des Pudels Kern. Er mutet indessen allzu revolutionär an, als daß man glauben könnte, er werde ernsthaft erwogen. Es käme einer Bankrotterklärung des sozialistischen Systems gleich. Wahrscheinlicher dünkt uns, daß es sich hier um einen Moskauer Sommernachtstraum handelt – aus dem es für den zuständigen Redakteur ein böses Erwachen geben dürfte. wb