Von Nina Grunenberg

Wer ist chic? Wer gehört dazu? Wer paßt in unsere moderne Welt der sechziger Jahre? Mit dieser Frage beschäftigt sich das amerikanische Frauen-Magazin "Harper’s Bazaar" in seiner letzten Ausgabe. Die Analyse ist bemerkenswert, und sei es nur aus dem einen Grunde, daß die Zeitschrift in Europa nicht viele Leute fand, die das Prädikat"with-it" verdienen.

"With-it", das heißt: dazugehören, Schritt halten mit unserer Zeit, "mit ihren wunderbaren und albernen Gewohnheiten, Gepflogenheiten, Entdeckungen und Moden. Mit ihren vagen und verrückten Ideen über den Weltraum und mit ihren dauernd wechselnden Ansichten über kalte und heiße Kriege. Mit ihren unverbrämten Diskussionen über Sex, Anti-Baby-Pillen und Homosexualität. Mit ihrer pornographischen Literatur, die in aller Öffentlichkeit verkauft wird und die Bestseller-Listen anführt. Mit ihrer Jugend, die nichts unversucht läßt, sich mit allen diesen Sachen zu identifizieren und bei ihren Anstrengungen mitunter in blödsinnige Extreme verfällt, und endlich mit ihren fabelhaften Männern wie Papst Johannes XXIII. und Präsident Kennedy, die zu dieser Welt gehörten und dafür lebten und starben..."

Als chic zu gelten, ist jedoch noch nicht dasselbe wie "with-it" zu sein. "Es gibt natürlich mehr Leute, die chic sind als solche, die ‚with-it‘ sind." Zu den Männern mit Chic zählt Harper’s Bazaar den ehemaligen Premierminister Englands, Sir Alec Douglas-Home: Er wird dies wohl seinem Titel und seinem schottischen Grundbesitz verdanken, aber "with-it" ist er nicht; schließlich verlor er eine Wahl. Zu den wenigen, die chic und gleichzeitig"with-it" sind, gehört nach Meinung der Zeitschrift der amerikanische Senator Robert Kennedy. Und auf ihn ist der Satz gemünzt: "Um nicht verlorenzugehen in dieser Art von Welt... gilt es, sich in ihr zu halten und in ihrer Mitte zu bleiben, nicht nur während eines Zeitabschnitts, sondern für das ganze Leben."

Was muß man aber tun, und wie muß der Mensch beschaffen sein, um d’accord mit dieser Welt zu bleiben? "Man muß ein Ohr offenhalten für alle Neuigkeiten, für alles Geschwätz, falsches und wahres. Für alle Arten der Musik, gute oder schlechte, für alle Sorten von Ratschlägen, weisen oder anderen. Es gilt, die Augen offenzuhalten für Dinge und Menschen, und jedes geschriebene Wort zu lesen. Man muß seinen Verstand nutzen zum Studieren und zur Erinnerung. Denn ein geschmeidiges und trainiertes Gehirn ist die Voraussetzung für den Kampf, ‚with-it‘ zu bleiben. Man muß seinen Mund dazu benutzen, ihn geschlossen zu halten, wenn man ihn nicht gerade öffnen kann wie die Callas, General de Gaulle oder die Beatles, die beides sind, chic und ‚with-it‘..."

Eines ist also sicher: Die "With-its" sind ohne Ausnahme Tatmenschen. Woran erkennt man sie? Harper’s Bazaar gibt zu, daß ihr Charakter mitunter verwirrend ist: "Sie sind originell, aber nicht dilettantisch, sie zeigen, was sie haben ohne wichtigtuerisch zu sein; sie wagen es, unverschämt zu werden. Sie sind unbescheiden, aber niemals vulgär; aufmerksam, aber niemals neugierig; unmoralisch, aber nicht obszön, geradeheraus, aber nicht infam. Sie können auch verrückt sein, aber nicht im klinischen Sinne, und fürchterlich ermüdend, aber niemals langweilig. Sie können zum Beispiel über Sex reden, ohne zu erröten oder anzüglich zu werden. Sie können Schnaps aus der Flasche trinken und in gekonnter Art gewöhnlich sein. Sie können auf der Bühne oder im Fernsehen erscheinen und so tun, als hätten sie das alles selbst erfunden. Sie können falsch verstanden oder falsch zitiert werden, nur wird sich auch das noch intelligent anhören. Sie können unsauber singen, das Falsche sagen oder überhaupt danebenliegen, aber alles, was sie tun, ist so überzeugend gut getan, daß sich ihnen höchstens ein anderer ‚with-it‘ widersetzen könnte... Der Verstand eines Mannes, der ‚dabei‘ ist, muß eher flott als gesund sein, und vor allem muß er die unendliche Fähigkeit haben, alles und jedes zu ignorieren, was nicht intelligent, witzig oder erfinderisch ist. In der eigenen Sache muß er Egoist sein, in der Unterhaltung ein Snob, und was die Meinung anderer Leute über seinen Charakter und seinen Lebensstil betrifft – da sollte er ein Zyniker sein."

Schönheit, so meint Harper’s Bazaar, sei für eine Frau lediglich eine Hilfe, Sex-Appeal für den Mann zwar ein wünschenswertes Attribut – aber keineswegs unerläßlich, um ein "with-it" zu sein.