Obgleich sich an dem Grundübel unserer gegenwärtigen Börsenverfassung, nämlich an der Kapitalknappheit, nichts geändert hat, stieg das Kursniveau der deutschen Aktien in den letzten fünf Wochen um etwa 8 Prozent. Allerdings liegt es immer noch um etwa 9 Prozent unter den Kursen vom Jahresbeginn. Die Banken behaupten, daß eine Vielzahl kleinerer Kaufaufträge aus dem Bereich ihrer Kundschaft den Anstoß zu der freundlicheren Börsenstimmung gab. Sie weisen darauf hin, daß es ihnen gelungen ist, einen Teil der nicht zum Zuge gekommenen VEBA-Zeichner auf andere Aktien oder auf Investment-Zertifikate "abzulenken". Aber diese Orders können nicht ausgereicht haben, um eine derartige Kurserholung herbeizuführen, auch wenn die Besitzer von Aktien immer seltener bereit sind, sich zu den heutigen Kursen von ihren Papieren zu trennen.

Unverkennbar ist jedoch, daß das Klima für Aktien besser ist, als allgemein angenommen wurde. Die Verkaufsbereitschaft der neuen VEBA-Volksaktionäre hat längst nicht das erwartete Ausmaß angenommen. Deshalb fiel es dem Bankenkonsortium relativ leicht, den Börseneinführungskurs auf 226 Prozent festzusetzen (der Zeichnungspreis lag bei 210 Mark). Von den Banken wird beteuert, daß sie keineswegs die freundliche Tendenz "gemacht" hätten, um der VEBA-Aktion zu einem möglichst großen Erfolg zu verhelfen. Inwieweit diese Behauptung stimmt, werden wir sehen, wenn die nächsten zwei Monatsbilanzen vorliegen. Eines ist allerdings interessant: Im zweiten Quartal 1965 hat de Deutsche Bank ihre Aktienbestände um rund 120 Millionen Mark aufgestockt, zu einer Zeit also, da die Liquidität innerhalb des Bankenapparates bereits knapper und knapper zu werden begann. Die Dresdner Bank verringerte dagegen im gleichen Zeitraum ihren Aktienbestand um etwa 8 Millionen, während die Commerzbank ihn um 3 Millionen vergrößerte. Die Deutsche Bank Stöckte übrigens auch ihre festverzinslichen Wertpapiere auf, die Dresdner Bank und die Commerzbank verminderten ihre Bestände.

Die aktive Kurspflege der Deutschen Bank ist in Börsenkreisen stark beachtet worden und hat ohne Zweifel zu der Stimmungsbesserung beigetragen. Viele Börsianer glauben jetzt um so fester daran, daß es jetzt eine Widerstandslinie "nach unten" gibt. Ihnen erscheint das Kaufrisiko daher als gering. Deshalb riskiert es mancher Anleger, auf einen Wahlsieg der CDU zu spekulieren, was um so leichter fällt, als die Wahlpropheten inzwischen einen kleinen Vorsprung der CDU gegenüber der SPD herausgerechnet haben. Die Käufe in Erwartung eines "bürgerlichen" Wahlsieges haben übrigens nicht nur ausgereicht, um festere Kurse zu schaffen, sie waren immerhin so groß, daß die weiterhin aus den USA zurückfließenden deutschen Aktien ohne nennenswerte Schwierigkeiten placiert werden, konnten.

Die Verschlechterung der deutschen Zahlungsbilanz, die Krise in der EWG und die kriegerischen Auseinandersetzungen in Vietnam spielten bei der Aktienbewertung keine Rolle. Es wird die Ansicht vertreten, daß alle belastenden Faktoren in den jetzigen Notierungen ausreichend berücksichtigt sind und daß es nunmehr an der Zeit ist, in den Aktienkursen die bei vielen Gesellschaften im vergangenen Jahr gestiegene Ertragskraft zum Ausdruck zu bringen. Zwei Faktoren kommen dieser Absicht entgegen: Einmal der Umstand, daß die Zeit der großen Kapitalerhöhungen vorüber ist und nur noch wenige Mittel für die Zeichnung junger Aktien beansprucht werden, zum anderen aber auch die Vielzahl günstiger Zwischenberichte aus dem Bereich der Unternehmen, die von einigen Ausnahmen abgesehen, noch keine Abschwächung des konjunkturellen Aufschwungs erkennen lassen.

Die Börse trägt dem differenzierten Konjunkturbild Rechnung. Favoriten sind nach wie vor die Aktien der Großchemie. An zweiter Stelle stehen die Kaufhaus-Aktien. Gelegentlich sind auch Anlagekäufe bei den Elektropapieren zu beobachten, ebenso bei den Elektroversorgungswerten. Gegenüber den Aktien der Eisen- und Stahlindustrie herrscht Zurückhaltung. Die Entwicklung der Auftragsbestände läßt nach Ansicht der Anlageberater die Befürchtung aufkommen, daß nicht alle Montanunternehmen in der Lage sein werden, die zuletzt gezahlten Dividenden aufrechtzuerhalten. Die bevorstehende Automobilausstellung in Frankfurt scheint den Automobilaktien nicht den erhofften Auftrieb zu bringen. Die Preissenkung für die alten VW-Typen wurde von der Börse keineswegs positiv beurteilt. Kurt Wendt