Von Walter H. Sokel

Kurt Hillers besonderer Eifer galt seit je der Verschmelzung von Rationalismus, Sozialismus, Pazifismus mit dem heroischen Aristokratismus Platos und Nietzsches. Wie mit diesen vier Einflüssen Hillers geistige Tradition bestimmt wird, so auch seine Gegnerschaft. Seine leidenschaftlich bekämpften Gegner sind Hegel und der Historismus, sind Fatalismus und Determinismus in jeglicher Form, auch und besonders in der des Marxismus.

Vor allem aber ist es die Existenzphilosophie Heideggers, in der Hiller den eigentlichen Antipoden und Erzfeind seines Aktivismus sieht. Die Politik des Freiburger Rektors von 1933, der seine Studenten zum Dienst an des Führers nationaler Revolution aufrief, hatte Hiller kurz nach dem Kriege ins öffentliche Gedächtnis zurückgerufen und angeprangert. Doch ist die politische Gegnerschaft symptomatisch für das weltanschaulich Trennende. Dem pessimistischen und fatalen Begriff Geworfenheit stellt Hiller den "Wurf des Geistes" entgegen, der Verlorenheit und Angst am Rande des Nichts die immerwährende Möglichkeit der Verwirklichung des Paradieses, der existentiellen Einsamkeit die Gemeinschaft derer, die an diesem Traum des Geistes teilhaben und durch ihn eines Geistes sind.

Die jugendliche Gewißheit, immer wieder von vorn anfangen zu können, bestimmt auch Kurt Hillers Verhältnis zu Deutschland.

Der Mann, der am 14. Juli 1933 im Berliner Columbia-Haus von SS-Männern beinahe zu Tode gepeitscht wurde, kehrte bereits 1947 zeitweise und 1955 endgültig aus der englischen Emigration nach Deutschland zurück. Im Gegensatz zu vielen anderen Emigranten, die über das ihnen von Deutschen Angetane und in Deutschland Geschehene nicht hinwegkommen und nur mit der Unlust unerträglicher Belastung an ihr Heimatland denken können, nur im Alptraum von ihm träumen, hat Kurt Hiller auf die Hoffnung auf Deutschland und die Liebe zu ihm nie verzichtet.

Kurt Hiller ist am 17. August 1885 in Berlin in eine bürgerliche Familie geboren, in der Geist und Überzeugung der deutschen Aufklärung lebendig und selbstverständliche Lebensluft waren. Wichtig für seine geistige Entwicklung war das Studium an der juristischen und philosophischen Fakultät in Berlin. Weniger wesentlich, eher zufällig, daß er dann 1907 in Heidelberg zum Dr. jur. promovierte. In Berlin studierte er Jurisprudenz im Kriminalwissenschaftlichen Seminar Franz von Liszts und Philosophie bei Simmel.

Dieses Doppelstudium an zwei voneinander so weit entfernten Fakultäten zeigte bereits die Richtung an, der Hiller sein Leben lang treu geblieben ist, den Versuch, einerseits Gesetzgebung auf ethischen und philosophischen Prinzipien aufzubauen, andererseits den Philosophen, den Geistigen, aus seiner Weltfremdheit herauszuführen. Als Kurt Hiller seine Dissertation "Das Recht über sich selbst" Professor Franz von Liszt einreichte, erhielt er die Antwort, daß sie zwar hervorragend, aber für die philosophische Fakultät, nicht die Rechtsfakultät, geeignet sei. Dem Kandidaten wurde geraten, Professor Simmel zu befragen. Von Simmel jedoch erhielt er den mutatis mutandis gleichlautenden Bescheid: Hervorragend sei die Dissertation zwar, jedoch eher für die juristische Fakultät geeignet. Schließlich nahm Heidelberg das erste Drittel als juristische Doktorarbeit an.