Von Karl Dedecius

Vor fünfunddreißig Jahren hat sich Wladimir Majakowskij, des neuen Rußlands namhaftester Dichter, erschossen. Seit fünfunddreißig Jahren läßt er uns, die "Genossen Nachkommen", darüber nicht zur Ruhe kommen. Sein rätselvoller Abschiedsbrief gab Anlaß zu den widerspruchsvollsten Deutungen und Vermutungen. Und so ist in den zahlreichen Biographien, Literaturgeschichten, Erinnerungen, Deutungen als Motiv des Selbstmordes verschiedenes überliefert: unglückliche Liebe zu der Emigrantin Tatjana Jakowlewna (1928 in Paris); glückliche, aber nicht unkomplizierte Liebe zu Lilja Brik, der Frau seines Freundes und Verlegers Ossip Brik; Halsleiden und Nervenzusammenbruch; öffentliche Hetzjagd der literarischen Gegner. In jeder dieser Legenden steckt ein Körnchen Wahrheit, keine aber enthält die ganze Wahrheit.

Die Herausgabe des Majakowskij-Nachlasses durch die Moskauer Akademie wird einiges bestärken, anderes widerlegen, endgültig klären wird sie wahrscheinlich nichts. Das Gerede wird fortdauern, obwohl es Majakowskijs Wunsch war, daß über seinen Tod nicht gesprochen wird. "Ich sterbe, macht niemand dafür verantwortlich, und bitte kein Gerede. Der Verstorbene haßte das."

Der erste Anstoß zu dem "Gerede" war Majakowskijs Haltung nach dem Selbstmord von Jessenin, 1925. Er rügte den Toten: er hätte es sich leicht gemacht. Das Leben zu meistern wäre zwar schwerer, aber besser gewesen.

Den letzten Anstoß gab der gereimte, dunkle Teil seines Abschiedsbriefes von 1930.

Wie man so sagt –

‚der Fall ist jetzt erledigt‘,