Von Vitus Dröscher

Viele Menschen halten jegliche Art von Geburtenkontrolle für einen widernatürlichen Akt. Indessen warten Verhaltensforscher mit einer Überraschung auf: Gerade die Natur zwingt fast alle Tierarten, durch instinktive Verhaltensweisen eine Übervölkerung zu verhindern. Die Maßnahmen der Tiere reichen von einfacher Enthaltung bis zu einem Numerus clausus, der Überzählige vom Brutgeschäft ausschließt, und von Anti-Baby-Drogen bis zum Kanibalismus.

Wenn an der Steilküste Neufundlands die Luft vom Geschrei und Flügelschlag Tausender von Baßtölpeln erfüllt ist und sich Tausende von Nestern dicht an dicht an den wogenumbrandeten Felswänden drängen, sollte man meinen, hier sei eine Art Bevölkerungsbombe explodiert. Aber das täuscht. Auch der Fischreichtum des Meeres vermag nur eine begrenzte Anzahl von Seevögeln zu ernähren.

Als der Naturgeschichtler V. C. Wynne-Edwards, Professor an der schottischen Universität Aberdeen, diese Massenkolonien brütender Tölpel näher untersuchte, fiel ihm etwas Seltsames auf: Nur die Vögel, die sich bei der Ankunft im Frühjahr auf einer besonders weit vorspringenden Klippe einen Nistplatz erobern konnten, betreiben ihr Brutgeschäft. Die Erfolglosen werden auf einen benachbarten Felsen verbannt. Hier wäre es den Verdrängten zwar physisch möglich, eine gleichberechtigte Kolonie zu gründen, Nester zu bauen und Nachwuchs aufzuziehen, aber psychisch sind sie dazu absolut unfähig. Eine übermächtig wirkende Verhaltenstradition zieht einen imaginären Grenzstreifen um den seit Jahrtausenden angestammten Brutplatz und belegt alle außerhalb liegenden Gebiete mit einem strikten Sexual-Tabu.

Auf diese Weise begrenzen die Vögel aus eigenem Antrieb ihre Kopfzahl so weit, daß unter normalen Verhältnissen alle Artgenossen, auch die Zwangs-Jungfern und unfreiwilligen Junggesellen, im umliegenden Seegebiet genug zu fischen finden. Andererseits können alle Verluste in der Brutkolonie durch sofortigen Zuzug vom Ehe-Reservisten-Felsen ausgeglichen werden. Diese "soziale Guillotine" gibt es auch bei Pinguinen, Sturmtauchern, Lummen, Austernfischern und Robben.

Das Verblüffende ist vor allem dies: Die Tiere warten mit ihren "bevölkerungspolitischen" Maßnahmen nicht erst, bis das Futter so knapp ist, daß die Schwachen Hungers sterben. Vielmehr setzt die Regulation schon vorher ein. Nicht der Hunger von heute begrenzt ihre Zahl, sondern die Bedrohung durch den Hunger von morgen.

Was geschehen würde, wenn die Tiere diese im Instinktgefüge verankerte "Voraussicht" nicht hätten, zeigt uns ein Wesen, dem die Profitgier den Sinn für die Harmonien in der Natur getrübt hat: der Mensch. Verkarstete Gebirge, in Wüsten verwandeltes Ackerland, zu Millionen niedergemetzelte und ausgerottete Tiere kennzeichnen seine Spur. "Wenn alle Tiere ebenso rücksichtslos ihre Nahrungsquellen überjagen; übergrasen und ausbeuten würden wie Menschen und Wanderheuschrecken" folgert der schottische Zoologe, "gäbe es schon längst nichts Lebendiges mehr auf Erden."