R. B., Berlin, im August

Der politische "heiße Sommer", den Albert Norden in einer zornigen Stunde ankündigte, ist nicht eingetroffen. Nach dem ersten Gespräch über Passierscheinfragen zwischen Senatsrat Horst Korber und DDR-Staatssekretär Michael Kohl am 21. Juni, das nur wenige Minuten dauerte, haben sich die beiden Gesprächspartner am vergangenen Montag wieder getroffen. Diesmal dauerte die Unterredung zweieinhalb Stunden. Zu konkreten Abmachungen oder Zusagen kam es allerdings noch nicht.

Staatssekretär Kohl verhielt sich im Gespräch mit Senatsrat Korber so, als ob er den Auftrag hätte, ein günstiges Verhandlungsklima zu schaffen. Die gute Stimmung hatte sachliche Gründe. Verschiedene SED-Forderungen, in den letzten Wochen feierlich erhoben, wurden im freundlichen Hin und Her demontiert. Das war der östliche Beitrag zur ersten ernsthaften Gesprächsrunde über Passierscheine in diesem Sommer. Ergänzt wurde er noch dadurch, daß der DDR-Staatssekretär das Interesse seiner Regierung an weiteren Verwandtenbesuchen bekundete.

Kohl ließ jedoch mit keinem einzigen Wort erkennen, wie das in Zukunft geschehen soll. Korber plädierte für eine einfache Verlängerung des Abkommens.

Tatsächlich befindet sich die SED-Führung, wenn man gelegentlichen Klagen aus Ostberlin Glauben schenken darf, in einem Dilemma. Ulbricht hatte in Eislers Fernseh- und Rundfunkgespräch am vorletzten Sonntag in den bundesrepublikanischen Wahlkampf eingegriffen und dabei scharf gegen die CDU/CSU Stellung genommen. Seitdem sind fast alle Kommentare aus Ostberlin gleichgeschaltet. Der SED scheint daran zu liegen, daß in Bonn eine "andere politische Konstellation" geschaffen wird. Wie aber ist das zu erreichen, wenn man auf der einen Seite die CDU-Regierung in Bonn treffen, auf der anderen Seite die SPD-Regierung in Berlin schonen will? Wie kann die Passierscheinfrage diesem Ziel dienstbar gemacht werden?

Die Frage ist also, soll man das Wahlergebnis abwarten, um dann dem Sieger die Prämie eines Passierscheinabkommens in die Hand zu drücken, oder soll man vorher ein-Abkommen schließen, das zum mindesten die CDU/CSU nicht fördert. Sicherlich ist die zweite Lösung einträglicher und dürfte daher, wenn kommunistische Vernunft und nicht der Zorn einer verbitterten Stunde zum Zuge kommt, auch den Ausschlag geben.