Manfred Kinder, der 400-Meter-Läufer, stand auf dem Podest und hielt mit verhaltenem Stolz den Rudolf-Harbig-Gedächtnis-Preis in seinen Händen. Eine englische Militärkapelle spielte das Deutschlandlied, nicht ganz so zackig wie es einmal Brauch war, aber auch nicht ganz so getragen wie es Joseph Haydn sich gewünscht hätte.

Die 65. Deutschen Meisterschaften, die dritten in Duisburg (1912 – 1922 – 1965), waren zu Ende. Eine kritische Würdigung drängte sich auf. Nähme man die nackten Ergebnisse, so käme man zu dem falschen Schluß: Es waren Meisterschaften der Mittelmäßigkeit. Richtig ist, daß die begeisternde, mitreißende, überragende Leistung fehlte. Die Zeiten der Hary, Lauer, Germar und Kaufmann sind vorbei. In dieser Mannschaft konnte sich außer Bendlin kein Athlet bisher in die Weltrekordliste eintragen.

Ein weiteres kam hinzu, was geeignet war, die Stimmung der 15 000 nicht zu höchstem Fortissimo anschwellen zu lassen. Weniger der bleigraue regenschwere Himmel, der über der dampfenden niederrheinische Landschaft lag, als eine wahre Verletzungswelle, die ein kühner Diagnostiker sogar mit der Luftfeuchtigkeit in kausale Verbindung gebracht hat.

Der schnellste Sprinter war ebenso ausgeschaltet wie der beste 400- und 800-Meter–Läufer – Schröder (100 und 200 Meter) und Bogatzki (800 Meter) konnten überhaupt nicht starten, und Kinder, der Hochgeehrte, wagte es wegen einer leichten Zerrung nur in der 4-mal-400-Meter-Staffel anzutreten, wo sein bravouröser Lauf als Schlußmann die so tapfer kämpfenden Vier des ASV Darmstadt nicht mehr um den wohlverdienten Sieg in 3:11,6 Min. bringen konnte. Zuvor in der 4-mal-100-Meter-Staffel sah man zwei Firmenmannschaften im harten Wettstreit. "Salamander" rang das Bayerkreuz nieder. 40,6 Sek. zu 41,1 Sek. war das Ergebnis! Dritter aber wurden vier wackere Katholiken von der Deutschen Jugendkraft in Bonn in 41,3 Sek., dann kam als vierter schon wieder das Bayerkreuz mit der zweiten Mannschaft von Leverkusen 04.

In der Frauen-Viererstaffel lief Jutta Heine schlecht und recht für Hannover auf Platz zwei und mußte von einigen wenig chevaleresken Zuschauern sogar ein paar gellende Pfiffe einstecken. Hier war der Olympische Sportklub Berlin vorn, wie auch Bodo Tümmler gegen Harald Norpoth das Charlottenburger C durch eine feine Leistung in Front brachte. Die letzten 400 Meter wurden nach etwas verbummeltem Tempo in 55,2 Sek. zurückgelegt, so daß noch 3:45,6 Min. heraussprangen.

Man muß die Leistungen in Anbetracht der widrigen Verhältnisse, insbesondere der weichen Bahn, beurteilen, dann sieht es nicht so schlimm mit der deutschen Leichtathletik-Mannschaft aus, wie es den Anschein haben könnte. A. M.