Das Wetter ist salonfähig geworden. Der Regen dieses Sommers beherrscht nicht nur die Gespräche aller Urlauber; er dient in diesen Tagen keineswegs nur dazu, Verlegenheitspausen auf dem gesellschaftlichen Parkett zu überbrücken. Denn das Wetter hat bewiesen, daß es trotz aller Technik noch immer mit harter Hand in die Wirtschaft einzugreifen vermag.

Betroffen sind vor allem die Bauern und damit die Verbraucher. Für die Bauern erklärte am letzten Wochenende Präsident Edmund Rehwinkel, daß sie keineswegs wegen des regenreichen Sommers neue Subventionen verlangen wollten. Rehwinkel bekannte sich ausdrücklich zu jenem Risiko, daß die Witterung den Landwirten zusätzlich zu anderen Risiken auferlegt. So begrüßenswert jene Äußerung von Präsident Rehwinkel auch sein mag, sie sollte nicht dazu verleiten, leichten Herzens über die Witterungsschäden hinwegzusehen.

Tatsache ist, daß die Getreideernte in der Bundesrepublik höchstens eine durchschnittliche Menge bringen wird. Das ist an sich weder für die Bauern noch für die Verbraucher bedrohlich. Immerhin werden aber die Gewinne der landwirtschaftlichen Betriebe nach wie vor davon beeinflußt, wieviel Getreide von einem Hektar geerntet werden. Ein oberflächlicher Beobachter könnte annehmen, die Auswirkungen der Hektarerträge seien nicht so gravierend. Schließlich stammen nur 9,2 Prozent der Verkaufserlöse der Landwirtschaft aus dem Verkauf von Getreide. Wird eine solche Rechnung angestellt, bleibt indessen zu berücksichtigen, daß ein großer Teil des von den Bauern der Bundesrepublik geernteten Getreides über die Produktion von Schlachtschweinen, von Eiern, von Geflügel und zum Teil auch von Schlachtrindern und Milch veredelt wird.

Für den Bauern ist es ein großer Unterschied, ob er eigenes Getreide veredelt oder zugekauftes. Natürlich gibt es Fälle, in denen das zugekaufte Futter billiger ist als das im eigenen Betrieb erzeugte. Die Regel ist das aber nicht. Bei einer Mehrernte hat der Bauer jene Doppelzentner Getreide für seinen Schweine-, Hühner- oder Kuhstall sozusagen "umsonst". Außerdem gilt es zu berücksichtigen, daß bei einem verregneten Sommer wie in diesem Jahr, die Erntekosten und die Ernteschwierigkeiten stark wachsen. Für eine geringere Menge an Getreide sind also höhere Lohn- und Maschinenkosten notwendig als in einem trockenen Sommer für eine höhere Ernte. Alles dies gehört aber zu den Risiken der Landwirtschaft, zu denen sich Edmund Rehwinkel ausdrücklich bekannte.

Was nicht mehr zu diesen normalen Risiken gehört, das sind die Unwetter- und Hochwasserschäden. Gegen Hagelschlag kann sich der Landwirt versichern, gegen Wolkenbrüche und Hochwasser nicht. Damit erhebt sich die Frage, ob in diesen Fällen die Allgemeinheit, oder besser gesagt die Staatskasse, helfend in die Bresche springen sollte. Der Bundestag hat bereits vor Jahren hierfür als Richtlinie anerkannt, daß dies nur bei einer "Existenzgefährdung" geschehen soll. Hier die Grenzen festzustellen, ist zwar schwierig, aber der Grundsatz sollte bestehen bleiben.

Es gibt natürlich auch Beispiele, wo die geringere Ernte dafür sorgt, daß manche Sorge vergangener Jahre in Vergessenheit gerät. Wieviele Schwemmen bei Obst und Gemüse brachten die Gemüter der Bauern wohl in Wallung? In einem Jahr waren es die Gurken, im anderen der Salat, im dritten waren es Tomaten und im vierten die Zwetschgen. Manchmal gab es alles dies auch in einem einzigen Sommer hintereinander. Manche Saure-Gurken-Zeit war angefüllt von Meldungen über drohenden Bauernunruhen, und die biederen Landwirte sammelten sich bereits zu Traktorenstürmen auf die nichtsahnenden Steinfestungen der Städte.

All das entfällt in diesem Sommer mit seinen hohen Obst- und Gemüsepreisen. Ob allerdings die Preise hoch genug sind, um die mindere Erntemenge bei den Einnahmen und beim Gewinn auszugleichen, das wird sich erst bei den nächsten Steuererklärungen der Bauern zeigen. In jedem Fall wird der Verbraucher mit steigenden Preisen rechnen müssen. Bereits jetzt zeigen sich die Auswirkungen des schlechten Wetters. Gingen im 1. Halbjahr 1964 die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise um 6 Prozent zurück, so stiegen sie dieses Jahr um 2,7 Prozent.