Fluchthelfer holten eine Familie am bestbewachten Abschnitt der Berliner Mauer über ein Drahtseil in den Westen. Sie wurden als Helden gefeiert. Niemand fragte nach dem Preis, der gezahlt wurde – nach dem Preis, der gezahlt worden wäre, wenn das tollkühne Unternehmen nicht wie durch ein Wunder unentdeckt geblieben wäre.

Einige Tage später wurde bekannt, daß die Staatsanwaltschaft gegen eine Fluchthelfergruppe ermittelte – wegen des Verdachts der Verschleppung, Freiheitsberaubung und Urkundenfälschung. Vier aus DDR-Gefängnissen entlassene "Fluchthelfer" hatten berichtet, daß sie von ihren Westberliner Auftraggebern sinnlos "verheizt" worden wären. Der Organisator dieses Unternehmens war ein vielgefeierter Fluchthelfer – bis man erfuhr, daß er pro Flüchtling 4000 bis 5000 Mark kassierte. Voller Abscheu hat sich die Öffentlichkeit von den "Menschenhändlern" und ihren "schmutzigen Geschäften" abgewandt. Aus Helden wurden Verbrecher. Das schwarz-weiße Klischee blieb erhalten.

Die Berliner Wirklichkeit freilich paßt nicht in solche Klischees. Im Schatten der Mauer verschwimmt die Grenze zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht. Auch jener Mann, gegen den die Staatsanwaltschaft nun ermittelt, begann aus idealistischen Gründen Menschen bei der Flucht aus der DDR zu helfen. Wie für viele andere wurde für ihn aus dem Helfen ein Job, wurden Idealismus und Abenteuertum zum Geschäft. Ihn moralisch zu richten, steht jenen am wenigsten an, die ihn bis gestern aus politischen Gründen als Helden feierten.

Die ZEIT berichtete schon bei der Tunnelflucht des vergangenen Oktobers über jene gefährliche Mischung aus James-Bond-Romantik und Geschäft, der viele Berliner Fluchthelfergruppen verfallen sind. Wütende Proteste und eine Rüge des Presserats waren die Reaktionen auf diese Veröffentlichung. Es war die Bild-Zeitung, die damals schrieb: "Wer es wagen sollte, den Fluchthelfern auch nur ein Haar zu krümmen, der hat in der Bundesrepublik, der hat in der freien Welt nichts zu suchen". Das gleiche Blatt veröffentlichte zehn Monate später die "Menschenhändler-Story". Bild "kaufte" die entlassenen Fluchthelfer, schirmte sie sorgsam gegen Behörden und Journalisten ab – bis ihre Geschichte durch die Rotationsmaschinen lief, exklusiv. "Dunkle Geschäfte mit Fluchthelfern" hieß die verkaufsfördernde Schlagzeile... K. H.