Die Geschichte der Atombombe erzählend, gedachte das Italienische Fernsehen der Toten von Hiroshima. Einstein, Bohr und Fermi traten ins Bild, über Chikago lag ein Hauch von Göttingen; Physiker trieben an und Physiker warnten, Porträts gewannen Kontur: Der joviale General, hoher Blutdruck und biederer Sinn, schien keine Bedenken zu haben; Robert Oppenheimer sprach mit zwei Zungen, redete von der Arbeit des Dings und rühmte zugleich den weiten Himmel von Los Alamos, tauglich, den eingeschlossenen Physikern ein Gefühl von Freiheit zu geben. Es klang, als ob Nietzsche, mit dem Entwurf des Übermenschen beschäftigt, die Champagnerluft von Sils Maria anpriese ...

Ein ernster Film, eine Bild-Etüde über Fragen der Politik und Moralität, an deren Schluß man, dem Photo der japanischen Totenstadt gegenübergestellt, eine Reihe von Kindergesichtern zeigte: winzige Fragezeichen am Ende der sorgfältig auskalkulierten Physikersätze.

Und dann begann das Spiel mit dem Entsetzen, dann wählte man den Massentod als Sujet eines utopischen, "Niemandsland" betitelten Spiels, an dem gemessen auch die kläglichste science-fiction-Geschichte als große Kunst bezeichnet werden muß. Totengabe für die Leichen von Hiroshima: Europa ist ausradiert, aber Mutter, Sohn und Tochter haben überlebt, und auch Martin ist mit von der Partie, Mann einer dahinsiechenden Frau – Mutter hätte ihn gern als Geliebten, sie fühlt sich noch jung, er hingegen hätte Töchterlein lieber zur Nacht, des Nachwuchses wegen – Martin, ein Meldegänger, der die Verbindung zu einer anderen Gruppe nicht abreißen läßt.

Man sieht, im Grunde ist alles gar nicht so schlimm; "laßt es uns gemütlich machen", bemerkt die Mutter zu Recht; Familienliebe währet immerdar, und was die Nahrung betrifft, so weiß Martin allezeit agronomischen Rat: Seetang unter dem Komposthaufen ist ein vortrefflicher Dünger.

Dann aber folgt der große Donnerschlag: Ein amerikanisches Flugzeug, es ist immer noch Krieg, schwebt sachte zur Erde, später kommt auch ein Russe hinzu, man neutralisiert das Gebiet, wirft, damit niemand Fuß fassen kann, abermals eine Bombe, die Familie bleibt auf der Strecke: Der Sohn wird erschossen, die schmuck- und jazz- und kommunikationssüchtige Tochter sieht sich um ihre schönste Hoffnung betrogen, Urmutter Steppat – nicht einmal mehr fähig, den geliebten Einsiedler Martin zu warnen – schreit, über die Leiche des Sohnes gebeugt, ihren Schmerz in die Welt: Pietà am Strande von Sylt.

So leicht geht das also. So schamlos und dreist kann man aus der großen Angst ein Familienidyll, ein Schäferstück mit Geigerzählern, Brunst und Nibelungenkleidern basteln. Nur eine Weile noch, und wir werden Meier und die Mutter der Kompanie im SS-Gewand wiederentdecken und den Konzentrationslagern arkadische Töne ablauschen.

Nein, ich kann den Mann nicht verstehen, der dieses jämmerliche, in Komposition und Dialogführung gleich dilettantische Stück ausgerechnet am 6. August aufführen ließ. Ich kann den Regisseur nicht verstehen, der sich dazu hergab, ein solches Machwerk in altgermanischem Stil zu realisieren. Ich verstehe die Schauspieler nicht, die es über sich brachten, 90 Minuten lang Bildzeitungssätze zu sprechen: "Schon nach dem ersten Schluck war ich so frei, so sorglos. Ich hatte schon ganz vergessen, wie das ist." "Aber schütten Sie doch endlich Ihr Herz aus." Lohnen ein paar Tage Außenaufnahmen in den Lister Dünen wirklich die Verspottung des eigenen Namens? Wer, Romuald Pekny, hat Sie gezwungen, zum Chargen einer Schmiere zu werden?